Vladimir KuprijanovPresse

Schnittstelle von Fotografie und Film.

Fotokünstler Vladimir Kuprijanov in der Galerie Empire Art: Erforschung neuer Dimensionen

Beim Versuch, die Wirklichkeit abzubilden, fehlt der Fotografie ein entscheidendes Moment: die dritte Dimension. Vladimir Kuprijanov, ranghoher Fotokünstler aus Moskau, hat sich in seiner fotografischen Forschung die Sichtbarmachung dieser dritten Dimension zum Ziel gemacht. Und sogar einer vierten: Seit den Achtzigern beschäftigt sich Kuprijanov mit den Mitteln und Möglichkeiten plastischer Darstellung in der Fotografie.

Die wohl einfachste Art, mit einem Foto Raumwirkung zu erzielen, ist dessen Aufbringen auf einen plastischen Körper. "Fotoskulpturen" nennt Kuprijanov das Ergebnis des Verfahrens, bei dem er belichtete und entwickelte Filmpositive auf Plexiglas aufbringt. Der transparente Träger erlaubt nicht nur ein vorder- und rückseitiges Betrachten, er ermöglicht auch das Stellen/Bauen von Objekten, die aus dem Bildträger einen Bildköper machen.

So wird etwa ein auf ein Plexiglasprisma aufgebrachtes, historisches Familienfoto raumgreifend, der winklige Köper rückt die abgebildeten Personen in die Nähe des Betrachters, stellt sie ihm gegenüber.

Der zweite, nur auf Umwegen per Momentaufnahme darstellbare Aspekt, den Kuprijanov in seinen Fotografien einzufangen sucht, ist die Zeit. Dies gelingt nicht etwa durch das Abbilden von Bewegung (etwa der eines rasenden Zuges), sonder überraschenderweise durch die Darstellung statistischer Bildgegenstände.

"Leichtigkeit" ist eines dieser Werke betitelt. Es zeigt das gespiegelte Porträt einer Marmorbüste, das Kuprijanov zweifach auf Folie aufgebracht hat. Durch ein einfaches optomechanisches Verfahren, die minimale Verschiebung der beiden Bilder gegeneinander, stellt sich beim Betrachter die Wahrnehmung einer dritten Dimension ein, eine räumliche Bildwirkung, die in etwa der eines Hologramms vergleichbar ist.

Entsprechend der menschlichen Seherfahrung ergibt sich diese einfache optische Operation, die zur stereometrischen Sehen führt. Denn Auge und Gehirn sind darauf trainiert, automatisch eine Abmessung zwischen den beiden Bildträgern vorzunehmen und so die eine räumliche Dimension zu erfassen.

Bewegt sich der Besucher nun vor diesen "Fotoobjekten" hin und her, so beginnen sie zu flimmern, sich scheinbar zu "bewegen". Der derzeit in Mainz zu sehende "Romantische Zyklus" ist mehr als eine manchmal etwas verklärte Sicht auf die Historie.

Geschichtliche Vorgänge werden nicht nur abgebildet, sondern in die kritische Gegenwart gerückt, in dieser Form gleichsam "historisiert".

Das eigentliche Verdienst Kuprijanovs besteht allerdings in der formalen Fortentwicklung der Fotografie. Mit dem Einbeziehen der dritten und - wenn man so will - vierten Dimension in seine Fotoarbeiten und -skulpturen schafft er nicht nur eine Verbindung aus Objekt und seiner Darstellung, er bildet auch die Schnittstelle zwischen Fotografie und Film.

"In der Fotografie begreife ich mich als Regisseur des Bildes"

Die Einladung zur Ausstellung nach Mainz erging an Sie im Rahmen der Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen 2003: Was wird den Besuchern Ihrer Ausstellung als "typisch russisch" begegnen?

Das typisch Russische besteht wohl darin, dass ich in meinen Bildern historische Vorlagen verwende, die eng mit dem russischen Alltag oder der Geschichte Russlands verknüpft sind. Einige meiner Fotoobjekte verarbeiten Fotografien aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, zeigen Skulpturen oder russische Architektur oder sind ganz einfach Familienfotos. Auf Platten oder Folien aufgebracht, verleihe ich ihnen eine neue räumliche oder sogar zeitliche Dimension.

Sie zählen zu den wichtigen Fotokünstlern der Gegenwart. Wenn das Mainzer Publikum Sie nicht gut kennt, liegt das dann an der immer noch großen Entfernung Mainz-Moskau oder an ihrem vergleichsweise unpopulären Medium, der Fotografie?

In den letzten zehn Jahren habe ich allein in Deutschland 12 Ausstellungen gemacht, war europa- und weltweit auf Kunstbiennalen zu sehen. Eigentlich kann man behaupten, dass Fotokunst seit ein paar Jahren regelrecht "in" geworden ist. Was die Popularität der Künstler dieses Genre angeht: Unkenntnis macht die Dinge erst interessant. Vergleichbar etwa mit einem Vakuum, das noch zu füllen ist. Ich versuche das mit meinen fotografischen Experimenten zur plastischen Darstellung.

Sie gehören zum Kreis der Moskauer Konzeptionalisten. Können Sie unseren Lesern Ihr Kunstkonzept erklären? Welches "Programm" steckt hinter Ihren Arbeiten?

In den 70er Jahren gründete sich in Moskau eine Gruppe von Konzeptkünstlern, die sich dem plastischen Minimalismus verschrieben hatte. Jedes Mitglied verfolgte ein eigenes Thema, aber insgesamt hatte man sich doch eher der klassischen Fotografie verschrieben. Ich habe diesen Kreis nach einigen Jahren verlassen und beschäftigte mich seit 1987 individuell mit dem Foto als eigenständiges Kunstobjekt. Meine Motivation ist die aktive Auseinandersetzung mit Geschichte. Ich habe bereits Projekte zum Kreml, der Eremitage oder Sibirien gestaltet. Geschichte bewegt mich, sie bewegt alle Menschen. Also auch mein Publikum.

Sie haben nicht nur Fotografie und Malerei studiert, sondern sind auch diplomierter Theaterregisseur. Sind die Mittel, mit denen Sie in Bild inszenieren, denen einer Bühneninszenierung ähnlich?

Absolut. In der Fotografie begreife ich mich als Regisseur des Bildes. Die "mise en scène" - also die "Inszenierung" - besteht darin, die plastischen Elemente des Bildes zu organisieren - wie auf der Bühne. Außerdem bemühe ich mich, auch in die Fotografie die zeitliche Dimension zu integrieren. Die Schwierigkeit hier besteht im Umgang mit dem Material. Das macht gleichzeitig auch den spezifischen Reiz aus.

Die Werke der Ausstellung sind mit dem Titel "Romantischer Zyklus" überschrieben. Was bedeutet für Sie Romantik?

Romantik ist eine Atmosphäre. Sie ist nicht Konzentration auf sich selbst, sondern auf das Absolute, Unerklärliche, die stete Suche nach dem Unerreichbaren. Das kann ein Ton sein, ein Geräusch, irgendwas. Diese Suche eint alle Menschen. Sie führt zu einem gemeinsamen Verständnis.

Nicole Mieding, Mainzer Rhein-Zeitung, 15. Mai 2003

Fotokünstler Vladimir Kuprijanov bei Empire

Vladimir Kuprijanov, geboren 1954 in Moskau, sammelt Augenblicke - auch solche aus längst vergangener Zeit. Seinen "Romantischen Zyklus" zeigt der Fotokünstler, Buchillustrator und ehemalige Theaterregisseur in der Galerie "Empire Art" im Fort Malakoff Park in Mainz.

Kukprijanov, ein eher zurückhaltender Mann der leisen Töne, mit kurzgeschorenem Haar und forschenden Augen, zeigt Objekte von filigraner Transparenz: die mit Hilfe des Computers nachcolorierte Aufnahme einer russischen Schönheit, Ritter wie aus dem Märchenbuch, Marmorbüsten im Moskauer Kuskowo-Park. Wie hingehaucht erscheint auf Folie zwischen Plexiglas eine anrührende Szene: Einfache Bauern lassen sich fotografieren, im Jahr 1866 im Zarenreich.

Kuprijanov zergliedert die Oberfläche seiner Fotografien, indem er ihre Schichten auf Folien druckt und dabei "scheibchenweise" verfährt, so wie eine Computertomografie das Gehirn erfasst. Schattierungen fein wie Sprühnebel geben den Werken die Illusion räumlicher Tiefe und verwischter Bewegung zugleich.

Märchenhafter Augenblick

Auf der Suche nach Motiven stöbert Kuprijanov in Archiven russischer Städte, entdeckt auf einem Flohmarkt in Paris die verblichene Aufnahme eines Mädchens im hellen Kleid. Quer durch Europa erwirbt er seine Schätze: ein Album mit Fotos von Bergsteigern, einen Reigen tanzender Mädchen im Wald. Rückwärts gewandt und nostalgisch erscheint die Auswahl nur auf den ersten Blick. Denn Kuprijanov begibt sich auf die spielerisch-experimentelle Suche nach dem einen Moment, der die Umrisse einer Landschaft in die Licht- und Schattenwelt der Fotografie verwandelt.

In der Sowjetunion wuchs Kuprijanov auf. Er sagt, er habe zum Glück frühzeitig Künstler kennengelernt, die sich nicht auf die damals vom Staat verordnete Ästhetik einließen. "Und ich wollte nie malen", sagt Kuprijanov mit Nachdruck, jeder Pinselstrich enthalte zu viel von der "Körperlichkeit" des Künstlers. Die Fotografie hingegen gehe nah an ihr Objekt heran, die Natur selbst zeichne die Linien. Einmal verwendete Kuprijanov dünnes Zigarettenpapier für ein Objekt, platzierte ein Blättchen links, ein anderes rechts, in die Mitte eine zarte Fotografie. Kuprijanov strahlt, als er die Reaktion der irritierten Betrachter beschreibt, deren Alltagsblick er mit Vergnügen überlistet.

Rhein Main Presse, Feuilleton, 13. Mai 2003