Sandra SennPresse

Ausstellung / Mehr als ein Bilderbogen heilger Bergnatur

Das Felsstück ist aus Bronze

Kunsthaus Zürich bietet faszinierende Schau: "In den Alpen"Auch andere Museen sind schon im zentraleuropäischen Hochgebirge gekraxelt. Die Ausstellung "In den Alpen" im Kunsthaus Zürich aber ist ein schillerndes Kaleidoskop von rund 300 Gebirgsdarstellungen, das Kunst, Ingenieurskunst und Wissenschaft versammelt.Von Hans-Dieter FronzZürich. Zur Einstimmung auf die Ausstellung "In den Alpen" gibt's im Kunsthaus Zürich erst mal malerisches Breitwandkino aus dem 19. Jahrhundert: Monumentale Ölschinken scharen sich in dichter Folge um ein Stück - so scheint es - echter Alpennatur. Der Bergsee des Abbé Guétal misst in der Breite knapp drei Meter, Charles Bertier springt in seinem naturalistisch eindrucksvoll vergegenwärtigten Hochgebirgstal sogar noch weiter. Die riesigen Leinwände saugen den Betrachter förmlich in Bild hinein, wollen ihn erlebnishaft mitten in die erhabene Bergnatur stellen: deshalb der naturalistische Pinselduktus, das fotorealistisch liebevoll ausgearbeitete Detail.

Die Ausstellung scheint die illusionistische Intention aufgreifen zu wollen, wenn sie im Zentrum dieser quasi kinematografischen Naturinszenierung Peter Reglis aufgerichteten Findling platziert. Das mannshohe Felsstück aber ist in Wahrheit - bemalte Bronze. Und auch Fotomotive wie Sandra Senns Stausee im Gebirge, die sich unter die Gemälde mischen, sind nicht lediglich die abgelichtete Natur, die sie scheinen, sondern gemacht: Die digitale Nachbearbeitung gibt Senns Landschaftsszene ihren leis surrealen Touch. Natur verwandelt sich hier sichtlich in Fiktion. Mit schneidender Geste und konstruktivem Kalkül fährt zeitgenössische Kunst der ästhetischen Alpenbegeisterung früherer Zeiten so in die Parade.Karten und ModelleDer Leitfaden der Züricher Ausstellung "In den Alpen" ist nicht die Chronologie, sondern die thematische Orientierung - das macht die Schau analytisch so ergiebig und auch spannend. Und nur an ihrem Beginn kommt sie uns wie eine gewöhnliche Kunstausstellung. Bald nämlich treten neben die Kunst- auch Kartenwerke, Gebirgsmodelle und Reliefs, Plakate und Zeugnisse der Ex-Voto-und Volkskunst. So vielschichtig dürfte das Hochgebirge selten dargestellt worden sein. Keinen bloß ästhetischen Bilderbogen heiler Natur also, der den Betrachter in sublime Regionen reinen Kunstgenusses entrückt, spannt Kurator Tobia Bezzola vor uns auf. Vielmehr führt er uns zu den handfesten historischen Wurzeln früherer und heutiger Alpenbegeisterung zurück. Und ruft uns die pragmatischen Voraussetzungen des Alpinismus wie des ästhetischen Genusses am Hochgebirge ins Bewusstsein. Ohne die Erschließung der Alpen durch Geologen und Kartografen, Ingenieure und Architekten nämlich gäbe es den heutigen Alpinismus gar nicht: Historische Dokumente wie Adolphe Brauns Aufnahmen vom Bau der Gotthardbahn oder Gemälde wie Raphael Ritz' "Ingenieure im Gebirge" von 1881 erinnern daran.

Ob die Ingenieurskunst allerdings, wie Bezzola glauben machen will, den schönen Künsten vorausging und ihnen nicht vielmehr folgte, ist durchaus fraglich. Waren es doch Künstler und Dichter wie Albrecht von Haller, die die Alpenbegeisterung allerest weckten. Sie machten das Hochgebirge ästhetisch salonfähig, erschlossen es sozusagen in der Vorstellung. Der Tourismus, der die verkehrstechnische und gastronomische Erschließung der Alpen erforderte, ist demgegenüber ein Folgephänomen.

Ihn rückt die Schau so gut ins Bild wie die Verwüstungen, die er verursacht(e). In Jules Spinatschs großformatiger Fotoarbeit "Snow Management" rücken Pistenfahrzeuge der winterlichen Natur wie eine Panzerformation zu Leibe. Die alpenfolkloristische "Alpfahrtsspirale" des naiven Künstlers Ulrich Bleiker ist so längst zur Abfahrtspiste und Abwärtsspirale geworden -auch das zeigt diese höchst sehenswerte Aussstellung.

INFO

In den Alpen im Kunsthaus Zürich. Heimplatz 1, bis 2. Januar: Di-Do 10 - 21 Uhr, Fr - So 10 - 17 Uhr.

Schwäbisches Tagblatt, Feuilleton, 22. November 2006

Alpen als Arbeitsraum und Tummelplatz

Ausstellung «In den Alpen» im Zürcher Kunsthaus

Vor acht Jahren gewährte das Kunsthaus Zürich die «Freie Sicht aufs Mittelmeer». Nun hat es das Gebirge wieder aufgetürmt. Die monströs vielfältige Ausstellung «In den Alpen» versammelt über 300 Werke vom 17. Jahrhundert bis heute. Je länger und anstrengender der «Alpenspazierung», desto grösser die Umsätze in der hauseigenen Cafeteria. Solches müssen Tobia Bezzola und Cathérine Hug gedacht haben, als sie - ausgehend von der reich bestückten Sammlung des Kunsthauses - diesen Riesenfundus an alpinen Werken zusammentrugen. Leider, aber konsequenterweise haben sie darauf verzichtet, Picknickplätze einzurichten.

Klassische Maler und Kartografen

Mit Vorteil nimmt man den Weg also gut gestärkt unter die Füsse. Vertreten sind weit über 100 Künstler und Künstlerinnen, darunter Koryphäen der klassischen Alpenmalerei wie Ferdinand Hodler, Johann Heinrich Wüest, Caspar Wolf, Rudolf Koller, Alexandre Calame, Giovanni Giacometti oder Giovanni Segantini.Darauf beschränkt sich die Ausstellung allerdings nicht. Von Beginn weg wird klar, dass ihr ein weit differenzierteres Bild der Alpen zugrunde liegt. Alpen sind - so Bezzola - nicht einfach nur ästhetische Landschaften, Erholungsräume, reine Natur. Sie sind auch Orte, die unterschiedlichste Arten innovativer Arbeiten generieren. Sie beschäftigen Bauern, aber auch Kartografen,

Topografen, Ingenieure, Tourismusfachleute

Dass diese unterschiedlichen Beschäftigungen ihren Niederschlag auch in der bildenden Kunst finden, wird auf dem Durchgang mit zahlreichen Werken belegt. Zwingend sind längst nicht alle. Dank manch Überraschendem, Hintergründigem, Witzigem, Ironischem bietet die Schau aber auf jeden Fall gute Unterhaltung und hält die Erschöpfung in Grenzen.

Wüsten und Katastrophen

Bezzola und Hug haben die multimediale Schau nicht chronologisch, sondern thematisch arrangiert. Das hat den Vorteil, dass alte und neue Werke nebeneinander anzutreffen sind. So beginnt das Kapitel «Wüste» mit einer Landschaft von Laurent Guétal von 1886, setzt sich fort in Werken von Hodler und Vallotton und endet mit einem Pigmentprint (2005) von Sandra Senn.Noch enger zusammengerückt sind die Epochen im Kapitel «Katastrophe». Hier hängt die Bleistiftzeichnung «Die Lawine» (1898) von Giovanni Segantini unmittelbar neben den dokumentarischen Fotografien «L'Epreuve des Alpes» (2005/2006) von Nicolas Faure. Das Ex Voto «Errettung aus Bach» (1833) hat hier ebenso Platz wie die ebenso bedrohliche wie witzige «Alpendebakelserie» (1990/91) von Arnulf Rainer.Zu den «Pionieren» gehört der Kartograf Eduard Imhof, der auch künstlerisch tätig gewesen ist. Die Ausstellung zeigt sein berühmtes Bergmodell «Windgällenrelief» (1937-39) und als moderne Ergänzung die Interaktive DVD «Atlas der Schweiz» des Instituts für Kartografie der ETH Zürich.

Leben in den Alpen einst und jetzt

Über die Kapitel «Pioniere» und «Alpenglühen» gelangt man zu «Einwohnern». Hier hängen unter anderem eindrückliche Porträts von Bergkindern aus dem Bündner Oberland, die der Fotograf Emil Brunner 1943/44 serienmässig angefertigt hat. Bei den «Ingenieuren» darf neben Kollers «Gotthardpost» (1873) auch William Turners Ölgemälde «The Pass of St. Gotthard» (1803/04) nicht fehlen.Besonders viel Platz gönnt die Ausstellung dem letzen Kapitel «Touristen». Amüsant ist hier der Schlusspunkt: Lois Hechenblaikners vergleichende Diaprojektion «ZeitGeister» (2001-2006). Jeweils zwei Dias, eines schwarzweiss, eines farbig, zeigen höchst ironisch das Leben in den Alpen einst und jetzt.So liegt auf der einen Seite ein geschlachtetes Schwein, auf der anderen eine nackte Frau, die massiert wird. Wo ein Bauer eine Wiese wässerte, sprühen heute Schneekanonen. Oder ein Bergsturz von einst mutiert in Hechenblaikners böser Arbeit zu einer Blechlawine aus geparkten Autos. Kulturkritische Quintessenz: Einst waren die Alpen von arbeitenden Bauern bevölkert, heute sind sie Tummelplatz der Dekadenz.(sda/fisp)

Galerie Klara Wallner: Henrieke Ribbe

Galerie Heckenhauer: Sandra Senn

Gletscher im Kinderspielplatz

Ein silbriger Gebirgszug wird zur Müllhalde, der Polargletscher nebenan entpuppt sich als Betonfelsen auf einem Spielplatz. Das Centre pour l'image contemporaine Saint-Gervais in Genf stellt derzeit die jüngste Fotoserie der Zürcher Künstlerin Sandra Senn (geb. 1973) aus, in der die Dinge nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Das Zusammenbringen der natürlich sachlichen oder poetischen Erscheinung urbaner Motive mit Künstlichkeit, darin sieht Senn ihre eigentliche Aufgabe. Fürs Betrachterauge ergeben die Motive letzlich ein stimmiges, perfektes Bild und keine Montage. Die Fotografien dienen ihr als Rohmaterial, die Abzüge werden nach der Bearbeitung am Computer zu grossen Tableaus fertig gestellt. Bildarchive der Industriekultur, eine Thematik, wie man sie aus der Sachfotografie von Bernd & Hilla Becher kennt, sind Senns Abfolgen nicht. Ihr geht es nicht um typologische Reihen, vor denen man die dargestellten Objekte analytisch vergleicht. Die "Compositeurin", wie sich Senn selbst nennt, bricht die grösstmögliche Objektivität im Bild auf und kippt auf subtile Weise in eine rein ästhetische Lesart. So wird aus den riesigen Reisighaufen fürs Sechseläuten in der Graslandschaft beim genauen Hinsehen eine Forschungsreise durch die winzige Welt der Zweige.

Neue Zürcher Zeitung, Feuilleton, Nr. 230, 4./5. Oktober 2003

Sandra Senn - Photographies

du 4 septembre au 19 octobre

Le Centre pour l'image contemporaine a le plaisir de présenter une série de photographies récentes de la jeune artiste zurichoise Sandra Senn.

Celle-ci amie à se définir comme "compositrice", usant de moyens photographiques pour créer des travaux qui fascinent tout d'abord par leur beauté formelle. Dans une deuxième temps, elles irritent lorsque l'on prend conscience de certaines incongruités: les morceaux de paysages, bribes d'une nature idéale, sont constitués d'éléments hétéroclites que l'artiste assemble infographiquement. Elle élabore des images qui s'inscrivent dans les brèches entre réalité et fiction développant ainsi un monde personnel et onirique.

Ses photographies se composent de matériaux bruts que l'artiste collectionne systématiquement, telle une chercheuse scientifique. Elle photographie les éléments qui l'intriguent et la séduisent, au gré de ses déambulations dans des zones industrielles, des quartiers urbans, des parcs d'attractions, des places de jeux ou des zoos. Sandra Senn porte un intérêt particulier à l'environnement construit par l'homme: silo, escalier, zeppelin ou tube d'aération. Elle se laisse également envoûter par la beauté limpide d'un ciel moucheté de nuages ou par un tapis d'herbe vert vif, morceaux de nature qui deviennent l'univers des objets souvent manufacturés qu'elle y incruste.

A partir de sa base de donnée d'images, l'artiste opère un travail de composition propre à générer un sentiment d'étrangeté. Se jouant des échelles, juxtaposant des perspectives légèrement décalées, elle faconne un univers de contes de fées modernes: de fines brindilles de bois se transforment en un amas de bois imposant, de jeunes pousses d'herbes vert pomme apparaissent comme des roseaux étranges et les deux tubes d'aération qui se dressent sur un parterre de fleurs des champs prennent des allures de tours monumentales. Ces images évoquent des décors de jeux vidéo ou des maquettes utlilisées pour les effets spéciaux du cinéma. Elles sont tout aussi proches du monde des jouets d'enfant ou des dessins animés.

L'atmosphère irrélle des photographies de Sandra Senn est accentuée par le cadrage serré des images. Elles sont nettoyés de tout élément parasite, une composition parfaitement maîtrisée étant l'une des caractéristiques du travail de l'artiste.

Grâce à une réorganisation subtile de la réalité, sans rajout artificiel, Sandra Senn parvient à créer un imaginaire qui lui est propre: plein d'humour, fantastique et séducteur. Ainsi, ses images oscillent constamment entre une représentation du monde réel et une reconstruction d'un idéal de celui-ci.

Centre pour l'image contemporaine, Saint-Gervais, Genève, September 2003