Peter NeusserPresse

Verdichtung im Anflug

Kunst kommt auch vom Zufall – zu sehen in Münchner Galerien

München bei Nacht kann richtig großstädtisch aussehen, allerdings nur mit gebührendem Abstand aus großer Höhe. Auf den „Multiples“ genannten Fotografien von Peter Neusser jedenfalls wirkt das weite glitzernde Lichtermeer fast so beeindruckend wie der Anflug auf Mexiko-Stadt. Allein dieser Vergleich gibt zu denken. Irgendetwas stimmt hier nicht. So entdeckt das Auge bald Phänomene, die sich mit einer rein dokumentarischen Fotografie nicht erklären lassen, aber auch nicht auf digitalem Weg entstanden sind. Peter Neusser hat im Falle dieser Nachtbilder ein Negativ 16mal belichtet und so einen Blickwinkel von 360° auf ein Format von 150 mal 190 cm gebracht und damit das Bild von München durch Überlagerung stark verdichtet. Mit der Methode der Mehrfachbelichtung arbeitet Neusser schon eine ganze Weile. In der Galerie Huber Goueffon werden neben zwei Nachtbildern von München einige Beispiele aus den Serien „Wasser“ und „Bäume“ gezeigt, in denen die Mehrfachbelichtungen so extensiv betrieben wurde, dass teilweise abstrakte Strukturen entstanden sind. Die Gegenständlichkeit wird aber nie ganz aufgelöst; der konkrete Wirklichkeitsbezug bleibt vorhanden. Auf diese Weise entsteht eine starke Spannung zwischen Wiedererkennungseffekt und unbenennbaren abstrakten Zonen.

Hanne Weskot, Süddeutsche Zeitung, 4.Oktober 2002

Peter Neusser Visualismus

Die Fotografien von Peter Neusser sind strenge Arbeiten des Verharrens vor Ort, des Weges, und Einsichten in die urbane Kommunikation, in der das Vermittelnde sogleich verstellend wirkt. Der Horizont erscheint im urbanen Dickicht erreichbar, nicht als ein Versprechen oder eine Sehnsucht der Ferne, sondern eher als eine zufällige architektonische Lichtung durchfährt er die Bilder. Wenn das Spiel zwischen Schärfe und Unschärfe der Betrachtung eine Zeit der Entwicklung in Aussicht stellte oder einen Weg, der noch zu gehen wäre, so lenkt Neusser das perspektivische Versprechen in die Künstlichkeit des Ausschnitts, oder sagen wir der verschobenen Fokussierung. Nicht um der Identität einer Stadt willen porträtiert Neusser die Stadt München, auch ist es kein Porträt, vergeblich würden wir ein Gegenüber suchen, vielmehr wird der Betrachter behutsam in den Text der Urbanität eingeführt. Im Bild wird unsere Einsicht aufgebaut, und Peter Neusser gelingt eine Konstruktion, die den ansonsten zentralperspektivisch gerüsteten Blick verunsichert und Mittelpunkte zu Marginalien führt. Diese Fotografien sind feine Verschiebungen, Dislozierungen einer Anschauung, die den architektonischen Raum als Bezugspunkt für die Entfaltung der Zeit benötigt. Die Bilder verdichten den Schwindel der Bewegung und die Starre des Gebauten zu einem tatsächlich verwegenen Einblick in das Städtische: Wir sind abgelenkt. Wenn die Architektur eine (Ab)stimmung von Innen- und Außenraum baut, dann fotografiert Peter Neusser aus dem Inneren der Stadt in ihr Inneres hinein.

Hubertus von Amelunxen
European Photography, Nr. 63, Göttingen 1998