Frank Mädler
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Freitagabend in Berlin-Mitte:

Auf dem Programm steht die Eröffnung von Frank Mädlers WEGE in der Galerie J. J. Heckenhauer. Mit dem Fahrrad in der Brunnenstraße vorfahrend, halte ich vor der hellerleuchteten Galerie. Mein Blick schweift durch das Schaufenster: entlang der weißen Wände breiten sich Frank Mädlers großformatige Farbfotografien raumlos aus. Mein Auge sucht nach Inhalten, doch die Bilder bieten keinen Anhaltspunkt.

Geboren 1967 in Torgelow, nimmt der ehemalige Meisterschüler an der HGB Leipzig seine großformatigen Landschaftsfotografien 2003 in Südspanien und Kuba auf. Im Morgengrauen steht er auf und fotografiert ein viertel Jahr lang mehrere Stunden täglich. Für die spezifische geografische Lage finden sich jedoch kaum Anhaltspunkte in seinen Arbeiten. Details sind ohne narrative Bedeutung. Eine Schafsherde, "276", so der Titel, oder Vögel, scheinen unbewegt oder lösen sich ganz im surrealen Gesamtcharakter der Bilder auf. Ein Renault scheint still zu stehen, an einer aus der Ferne aufgenommenen Kreuzung mitten im Nirgendwo. Nichts weißt darauf hin, woher er kommt und wohin die Reise gehen mag. Nur der Titel verrät: ein Renault! Mädlers unaufgeregte Wirklichkeit ist reduziert auf die wesentliche Ästhetik der Fotografie, der Betrachter steht mit seinen Fragen allein.

In Anbetracht dieser Orientierungslosigkeit wird die Zeit - entgegen unserer gewohnt beschleunigten Zeitwahrnehmung - dem Betrachter mit einem Mal zum Verbündeten. Sie erschließt sich einem in den weiten, unifarbenen Flächen und ausgewogenen Strukturen in Mädlers malerischen Bildkompositionen, gesehen in einem Impuls und eingefroren für die Ewigkeit.

Charlotte Gutmann, Kunstmagazin, Juni 2006

 

Eigentümliche Welten: Fotografien von Frank Mädler

Auf den ersten Blick scheinen Mädlers Fotos Produkte des Zufalls zu sein. Dem ist aber nicht so. Steht ein Auto mitten auf einer Wegkreuzung, die sich ins Nichts verliert. Schwebt ein Vogel über einer Wasseroberfläche. Fläche groß, Vogel klein. Welche Geschichten stecken hinter den Bildern? Man kann sie sich, das bildliche Material nutzend, gern selbst zusammenreimen. Man muß es aber nicht, und die Bilder nehmen wie sie sind.

Was man hingegen tun sollte, ist die Fotos, jetzt ausgestellt in der Galerie J. J. Heckenhauer, auf sich wirken lassen. Denn Mädler versucht, die Komponenten Raum und Zeit durch den formalen Aspekt ins Bild zu setzen. Dominant ist dabei immer die Fläche, egal ob Feld, Meer oder Himmel. Vögel, Fische, Autos oder Schafe bilden dabei nur die Marginalien. Selbst wenn wie beim Foto "276" eben genau so viele Schafe auf der grünen Wiese grasen.

Von erhöhtem Standpunkt fotografiert - was Mädler mit Massimo Vitali verbindet, wobei Mädler durchaus radikaler vorgeht - wirken sie wie Stecknadelköpfe in der Landschaft.

Bei den Bildern aus der Serie "Wege" fotografiert Mädler von oben nach unten und umgekehrt. Die Momente scheinen eingefroren, die Zeit scheint stillzustehen. Der Moment wird zur Unendlichkeit. Man möchte, daß er nie vergeht.

Die großformatigen C-Prints (120 x 180 cm, 4er Auflage) kosten 27000 Euro.

Maximilian Keller, Die Welt, 19. Mai 2006

 

Frank Mädler

Das Vorwort zu Frank Mädlers Katalog stammt von Tanja Dückers: "Bei Mädler scheinen Vögel in der Luft stillzustehen und Autos an Kreuzungen scheinen für die Ewigkeit abgestellt", schreibt die Berliner Schriftstellerin da über die Fotoserie WEGE. Mädlers Fotografien zeigen Phänomene, die sich tausendfach in der Landschaft wiederholen: Da kräuselt sich eine Wasseroberfläche als rhythmische Struktur und Feldfurchen sehen sehr streng und ordentlich aus. In Mädlers Fotos wird Landschaft zur Form, Struktur und Farbe und bleibt doch, was sie ist - wunderbare Schöpfung (bis 28. Mai).

Zitty, Tagestipp, Mai 2006

 

Im Schwebezustand.
Frank Mädlers irritierender fotografischer Blick auf Landschaften in der Galerie Heckenhauer

Auf den ersten Blick lesen sich Frank Mädlers Landschaftsaufnahmen wie auf minimale Strukturen reduzierte Abstraktionen von "Landschaft". Der Blick der Kamera zielt oft auf kompositorische Aspekte: Eine Straßenkreuzung inmitten karger Landschaft tritt dem Betrachter als Gefüge von hellen Diagonalen auf braunem Grund entgegen. Für diese Art von Entspezifizierung von Landschaft finden sich viele Beispiele.

Doch das ist nicht alles: Fotografie, die versucht, in komplexen Gefügen wie der Natur sich wiederholende Formen und Segmente, quasi naturale Module, sichtbar zu machen, im Multiplen das Einzelne herauszustellen und eine Art Mathematik der Erscheinungen artistisch herunterzudeklinieren, hat es immer wieder gegeben. Mädler hat jedoch etwas anderes gemacht: Er hat eine Art Schwebezustand eingefangen - vielleicht wie ein Aufwachender oder Träumender, der einen hellblauen Streifen noch nicht als Himmel, weiße Punkte noch nicht als Schafe und eine weitläufige Hügellandschaft nicht als Wiese erkennt. Man meint, es hier mit einer Art Traum-Standbilder zu tun zu haben. Vögel scheinen in der Luft stillzustehen, Autos an Kreuzungen für die Ewigkeit abgestellt.

Über Mädler Fotografie wurde unter anderem geschrieben, sie würde sich der Geschwindigkeitsspirale unserer Gegenwart verweigern, das "verkürzte Zeitmaß unserer Spaßgesellschaft" negieren. Doch sie suggeriert nicht nur Zeitlosigkeit, sondern ebenso Ort- und Orientierungslosigkeit. Denn Mädlers Bilder, die zweifellos stark der abstrakten Malerei entlehnte Aspekte aufweisen, sind unbedingt nicht-narrativ, sie verweigern die Erzählung eines Bildinhalts: Die Vögel über dem Wasser, das Haus in der Landschaft oder der Grasbüschel auf dem Feld sind irritierend klein, unscharf und verschwommen - und spotten damit dem Wunsch des Betrachters, bildbeherrschende Bedeutung in sie hineinzulesen.

Mädler läßt eine kunstvolle Irritation entstehen zwischen dem, was wir in einem Bild für wichtig und für unwichtig erachten. Der Himmel, die Horizontlinie, Wellenbewegungen auf dem Wasser - üblicherweise nur rahmengebend - fungieren als eigentlich dominante Elemente; die Vögel, die Schafherde, das Auto dagegen als eher zufällige Bild-Passanten. Somit wird ein Blickwinkel gewählt, der etwas Staunendes, Kindliches offenbart: eine Perspektive, die anarchistisch, anti-hierarchisch und voraussetzungslos ist.

Mädlers Bilder provozieren nicht, sie produzieren Gefühle, die irgendwo zwischen Verführung und Irritation liegen: Die auf den ersten Blick "friedlichen" Bildinhalte, die matte Farbigkeit, die Ruhe, die von der meist strengen formalen Struktur ausgeht, lösen zunächst wohlige Zufriedenheit beim Betrachter aus. Das "Eintauchen" in diese Welt geschieht mühelos. Doch dann verliert sich der Blick, die Orientierung schwindet, Horizonte fehlen, das Dreidimensionale gaukelt Zweidimensionalität vor: Mädlers Bilder fügen sich am Ende nie in die Komposition oder Narration, die man erwartet. Alles und nichts könnte eine Fata Morgana in dieser Fotografie sein. Jedes Bildobjekt scheint greifbar in seiner Faktizität, seiner Benennbarkeit: Haus, Schaf, Wiese, Feld - doch "fehlt" allem die kontextuelle Eingliederung in das, was wir Realität nennen, jedes Bildelement flimmert vor uns auf oder breitet sich in unermeßlicher Leere aus - sein eigentlicher Aggregatzustand, seine geographische Lokalität, seine wirkliche Existenz erscheint uns unbestimmbar oder fraglich. Reale Orte, Dinge und Vorkommnisse werden bei Mädler fiktionalisiert.

Weder bedient Mädler kühlen Formalismus (der im Himmel lediglich Streifen und im Horizont eine Linie sieht), noch glaubt er an die Abbildbarkeit der Realität. Bei aller formalen Schönheit thematisiert diese Fotografie nicht die Linie oder den Streifen an sich, sondern der Blick des Staunenden, Träumenden, Unvoreingenommenen, Kindlichen, Extraterrestrischen auf die Welt. Wenn diese Fotos von etwas erzählen, dann davon, wie man Dinge auch sehen könnte.

Tanja Dückers, Berliner Morgenpost, Kultur & Medien, 22. April 2006

 

going out.
Exhibit a who has seen the windmill

Windrad. Reviewed by Carry Michael Dault

My strange bond with this photograph stems directly from my having flagrantly misread it. "I really like that big bird rising from the trees". I told Jane Corkin, co-director of the Corkin Shopland Gallery, where the picture is hanging. "That's not a bird, dear", Corkin corrected me, as gently as possible, "it's a windmill".

Of course, it's a windmill. Birds don't have long, thin, perfectly symmetrical, metalilc wings. In my defence, though, I could nevertheless feel their opening to the sky, the upward thrust of them, their vast, slow beating, the sense of lift. For me, those long, antennae-like appendages were clearly starting up form the congrestion of the forest, and making for the heavy, open greynesss of the foggy air above. It was a dreamy, fleeting moment of perceptual fictionalizing. Little of what I thought I saw was really there in the photograph.

The work which is by Leipzig-based photographer Frank Madler, is part of a series called WEGE ("Pahts"). Like the other photographs of the series - which includes pastoral, soft-focus studies of wide, golden fields, of the surfaces of water, of a dispersal fo sheep over a deep green meadow - this windmill photo (Windrad) is very large (122 by 182.8 cm), and, in its deliberate visual imprecision, abstracted to the point of painterliness.

And yet, when you get down to it, Madler seems essentially uninterested in the painterly idea of merely reducing the landscape to its broad, essential structures. He seems relatively little concerned with matters such as design and composition - or so it would seem at first. Futhermore, his colour, which is passably rich, is nonetheless withheld to some degree: deliberately kept from a confectionary, consumable prettiness. So it's not as if he's busy devising some compelling photographic equivalent to landscape painting.

Nor do Madler's photographs betray any share in the documentary impulse. For one thing, you never know exactly where you are in any of them. And there is no narrative line, no story-telling, no anecdotage. For example, in one of the works from WEGE, an aerial view of brown fields traversed by two intersection roads, a car sits at the cross-roads. The photo has reminded some viewers of the famous cropdusting scene in Alfred Hitchcock's film North by Northwest, but unlike that breathless episode, there is no drama here: you don't know - or care very much - which of the three possible courses the car will take, if indeed it takes any. You don't even know of the car is running or turned off, inhabited or abandoned. What's going on is not nearly as absorbing as what simply is. The photo becomes an enigma without ever having first become enigmatic.

In the end, there isn't enough informational precision attached to the objects or incidents in Madler's photographs to allow us much autobiographical entryway into them. As German critic Tanja Dückers has noted: "Madler's pictures do not provoke, they produce feelings that hover somewhere between seduction and irritation."

Take Windrad, the windmill picture. It seduces us - well, it did me anyhow - with its cool, moist sensuousness. But that's about it. There are trees - but what kind? There is greyness - but what kind? Is it raining? Foggy? Cold? But where is the windmill? Is it in the foreground or the background? Is it small or gigantic? Are its blades moving slowly, or are they still? Where are we anyhow?

Well, where are we in dreams, after all? The windmill photo is like dreaming. It seems a peaceful enough vision at first. But when you press it for meaning, all you get back is anxiety. That's the way it is with all of Frank Madler's photographs: Just as in our dreams, there is never any place to rest.

The Globe and Mail, 13. Januar 2006


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