Dream
City
15. Internationales
Bodenseefestival, idee europa Programm, Mai/Juni 2003
Dream
City
Ein Foto-Essay von Claudio Hils
Die
Zukunft – auch und gerade – der europäischen Städte
mit ihren kompakten historischen Zentren wird zum Thema, wenn Claudio
Hils in seinem Foto-Essay die wachsenden Mega-Städte in Asien, Nord-
und Lateinamerika porträtiert: die pittoresk inszenierten Kulissen
der Innenstädte mit ihren Einkaufsmeilen einerseits, die ausufernden,
austauschbaren, banalen und trostlosen Ränder mit ihren Brachflächen
und Müllhalden andererseits. Die Kamera zeigt die Nischen menschlichen
Überlebens, die Grenzen zwischen Traumwelt und Realität. Im
Blick des Fotografen fügt sich die Unübersichtlichkeit zur ästhetischen
Ordnung, findet auch das Unauffällige seinen Platz. Zu dieser Bodenseefestival-Ausstellung
ist ein Katalog erhältlich.
Moderne
Kunst in der EU-Region Bodensee & Oberschwaben, April/Mai/Juni 2003
„Dream City“
Ein Foto-Essay von Claudio Hils
Die
Zukunft auch der europäischen Städte mit ihren kompakten historischen
Zentren steht zur Diskussion, wenn Claudio Hils in seinem Foto-Essay die
wachsenden Mega-Städte in Asien, Nord- und Lateinamerika porträtiert:
die pittoresk inszenierten Kulissen der Innenstädte mit ihren Einkaufs-Malls
einerseits, die ausufernden, austauschbaren, banalen und trostlosen Ränder
mit ihren Brachflächen und Müllhalden andererseits. Die Kamera
zeigt die Nischen menschlichen Überlebens, die Grenzen zwischen Traumwelt
und Realität. Im Blick des Fotografen fügt sich die Unübersichtlichkeit
zu einer Art ästhetischen Ordnung, findet das Unauffällige zur
Bildwürdigkeit.
Birgit
Kölgen
Schwäbische Zeitung 22. Mai 2003
Lebenszeichen im Beton
Meersburg
– Das Städtle ist bezaubernd schön. Auf dem Schlossplatz
von Meersburg sitzen die Gäste bei einem Eis in der Sonne, die Barockfassaden
leuchten, die Glyzinien blühen. Im Roten Haus an der Ecke wird eine
Gegenwelt dokumentiert. Claudio Hils zeigt Fotografien aus Molochstädten.
Sarkastischer Titel: „Dream City“.
Der Mann misstraut der Idylle. Claudio Hils, 1962 in Mengen geboren und
Dozent an der Schule für Gestaltung im schmucken Ravensburg, stört
gern das baden-württembergische Wohlbehagen. Als Kurator des Ravensburger
Projekt „Stadtfotograf“ verteilt er Stipendien an Kollegen,
die nicht nach oberschwäbischen Postkartenansichten suchen, sondern
unspektakuläre Realitäten zeigen – Menschen am Rande,
Risse im Beton. Nüchtern wie die Ergebnisse des heimischen Projekts
sind auch seine eigenen Arbeiten, entstanden auf Reisen in die ausufernden
Städte Asiens und des amerikanischen Kontinents.
Ob die Bilder aus Tokio oder Bangkok, Los Angeles oder Sao Paulo stammen,
kann man in der Galerie des Bodenseekreises nur raten. Der Fotograf verrät
bewusst keine Fakten. Seine Farbaufnahmen im Magazinformat erzählen
ohne Worte, dass sich die Umstände in den wuchernden Metropolen gleichen,
dass die Gegensätze wachsen zwischen aufgesetztem Luxus und absoluter
Armseligkeit. Wie eine Fliege über einem Misthaufen kreist ein Hubschrauber
über einer Ansammlung verrotteter Hochhäuser. Wie Ameisen hausen
die Menschen hinter den einstürzenden Billigfassaden der elenden
Viertel – wobei man auch in Paris oder Rom ähnliche Zustände
finden könnte. Ein paar Wäschestücke an Leinen vor den
Löchern, die als Fenster dienen, werden zu Lebenszeichen.
Ohne Anklage aus der Distanz, zeigt Hils die desolaten Verhältnisse.
Da sieht man in einiger Entfernung ein paar Jugendliche mit coolen Baseballkappen,
die ein bisschen quatschen und aus der Flasche trinken, wie es auch die
Kids in Ravensburg tun. Aber auf Hils´ Foto hocken sie auf einer
Müllhalde irgendwo im Staub und kramen dort wahrscheinlich immer
wieder nach brauchbaren Dingen. Im Schatten von gestapeltem Abfall liegt
ein ausgemergelter Hund, schlafend oder tot. Hils lässt solche Fragen
in seinem „Foto-Essay“ offen.
Er macht deutlich, dass es hier nicht etwa um empörende Ausnahmen
geht, sondern um Alltagssituationen, deren Tragik von den Betroffenen
oft gar nicht mehr empfunden wird. Sie haben sich arrangiert, die beiden
ölverschmierten asiatischen Männer, die an irgendwelchem Schrott
basteln, oder die magre weiße Mutter, die mit zwei Kindern in der
Tür eines Bretterverschlags kauert. Hils führt sie mit der gleichen
Sachlichkeit vor wie smarte japanische Manager in ihren einheitlichen
Burberry-Mänteln, junge Blondinen mit Plastikdrinks in irgendeiner
„Cool Zone“ mit Chauffeur, der an einer glitzernden Vergnügungsmeile
neben einer Limousine steht und raucht. Vielleicht ist es auch ein Barmann,
der Pause macht. Hils lässt mit seinen ruhigen Bildern vielen Vorstellungen
Raum.
Dabei gelingt es ihm, im Chaos der Stadtmotive so etwas wie Ordnung zu
schaffen. Mit einem klaren Blick für grafische Effekte präsentiert
er die Linien von Straßenzügen und Reklamewänden, die
verschränkte Struktur einer Stahlkonstruktion oder die Fläche
eines Gitters über einem Betonrelief hinter dem Schatten einer Schräge.
Ästhetik der Hässlichkeit – manchmal wird daraus eine
Art von Schönheit, wenn zum Beispiel die Schemen ferner Wolkenkratzer
zwischen dürren Bäumen am dunstigen Horizont erscheinen. Tief
im strengen Fotografen Claudio Hils steckt eben doch ein schwäbischer
Romantiker.
Christel Voith
Schwäbische Zeitung 13. Mai 2003
Realität und virtuelles Leben
Meersburg
– „Dream City“ nennt Claudio Hils aus Mengen seinen
Foto-Essay über Metropolen aus aller Welt. Die Fotos dazu –
sehr persönlich gefärbte Ausschnitte aus krebsartig wuchernden
Mega-Citys, die weit eher den „Alptraum City“ festhalten –
zeigt die Galerie Bodenseekreis im Roten Haus in Meersburg bis 6. Juli.
Dream City – gibt es sie heute, gab es sie je? Claudio Hils, Fotograf
und Kommunikations-Designer, Dozent an der Schule für Gestaltung
in Ravensburg, interessiert sich von jeher für urbane Räume,
urbane Landschaften. In seinem Foto-Essay vermeidet er bewusst die „Wahrzeichen“
der porträtierten Städte und zeigt anhand der Gemeinsamkeit
Ihrer Probleme ihre heutige Austauschbarkeit. Ohne Bildtexte, ohne Zuordnung
zu ihrem Entstehungsort schildert er Ausschnitte aus dem Alltag in Großstädten
verschiedener Kontinente, er zeigt Menschen in einer Straßenschlucht
in Sao Paulo, lenkt den Blick auf monotone Wohnblocks und schäbigste
Primitivbehausungen – ob in Tokio, Bangkok, Los Angeles oder Las
Vegas.
Claudio Hils zeigt Straßenszenen, Wohnblock-Veteranen, Highway-Labyrinthe,
Industrieanlagen und Müllhalden. Er beobachtet Menschen – eilig,
hastend, ausgegrenzt durch Mauern, Gitter, Glasscheiben – und er
sucht nach Überlebens-Nischen. In einem primitiven Bretterverschlag
findet Hils eine Mutter – hinter dem nackten Fuß, den sie
in die Öffnung stellt, lugen zwei Kindergesichter hervor. Anderswo
präsentiert ein Latino stolz, wie weit er es gebracht hat; er und
seine beiden Söhne sitzen im weißen Hemd mit Krawatte auf der
Bank, die Frau bleibt etwas abseits, ihr blaues Auge zeugt von Gewalt.
Realität und virtuelles Leben vermischen sich, wenn Reklame-Gesichter
von der Absperrung strahlen, hinter der das Chaos beginnt, wenn ein blauer
Himmel mit weißen Wölkchen den Bauzaun ziert, neben dem ein
Maschendraht den Blick auf verdorrte Öde freigibt. Anderswo hackt
ein Mann mit seinem Amboss auf dem Trottoir, das geringste Schrotteil
wird repariert.
Die Globalisierung nimmt zu und damit auch die Ähnlichkeit der Probleme
in einer Zeit rasant zunehmender Verstädterung. Die Stadt als überschaubares,
erfahrbares Zuhause, als Heimat, verbunden mit Geborgenheit, ist in vielen
Teilen der Welt dem Chaos gewichen. Ungestümes Wachstum nach der
Aufgabe alter Strukturen – das fordert ein Umdenken, schreit nach
neuen Ideen. Die Bildausschnitte zeigen den Nährboden sozialer Probleme,
die latente Gefahr, die von solchen Brennpunkten ausgeht. „Professionelle
Bilder von literarischer Qualität und sperriger Poesie“ nannte
Laudator Michael Jostmeier, Professor für Fotografie an der Fachhochschule
Nürnberg, die Fotos, die ihre eigene Ästhetik ausstrahlen.
Der von Max Stemshorn herausgegebene Begleitkatalog mit Foto-Essay von
Claudio Hils und Texten verschiedener Autoren, die sich mit Traum und
Trauma des Städtebaus beschäftigen, vertieft die Fragen der
Ausstellung.
Susanne
Boecker
Kölner Stadt-Anzeiger 9./10. November 2002
Der andere Blick
Claudio Hils stellt „Dream City“ bei Sabine Schmidt vor
Der
Künstler präsentiert Stadtansichten, die nicht nachhaltig zum
Besuch der fotografierten Metropolen einladen.
Der Tourist fotografiert in fremden Städten am liebsten „Wahrzeigen“.
An zweiter Stelle rangieren „typische“ Flecken – das
enge Straßengewirr „mittelalterlicher Altstädte“
oder auch die bunte Neonreklame moderner Vergnügungsviertel. Damit
dann er in der Heimat beweisen: Ich war woanders!
Claudio Hils hat von seinen Besuchen verschiedener „Megacities“
andere Bilder mitgebracht. Anstatt seine Visiten in Sao Paulo, Los Angeles,
Bangkok, Tokio oder Las Vegas mit weitern Varianten klassischer Bildklischees
zu dokumentieren, konfrontiert er uns mit ungewohnten Ansichten der Städte:
Fassaden gesichtsloser Wohnblocks, Müllhalden, dichtes Antennengewirr,
glitzernde Bürotürme, künstliche Naturen, armselige Hütten,
bunt beleuchtete Boulevards, verschlungene Autotrassen.
„Dream City“ nennt er diese nicht gerade zum Träumen
einladenden Stadtansichten. Denn die nach „Motivgruppen“ fast
austauschbaren Bilder beweisen vor allem eins: Der Traum von der Stadt
als einem individuellen und identitätsstiftenden urbanen Gebilde
scheint ausgeträumt. Vorbei die Zeiten, als ein Camillo Sitte über
den „Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“
sinnierte, vorbei auch die Zeiten, als ein Le Corbusier seine „Idealstadt-Konzeptionen“
skizzierte. Im Zuge der rasanten Stadtentwicklungen gerät das planerische
Zusammenspiel von Ästhetik, Technik und Politik zunehmend ins Hintertreffen.
Denn während Städteplaner und Politiker noch über Konzepten
brüten, das Für und Wider von Bebauungsplänen diskutieren
mögen, geben die Städte dem wirtschaftlichen Druck nach und
wachsen einfach weiter. Weiten sich zu Mega-Agglomerationen, deren Struktur
und äußeres Erscheinungsbild vor allem von einem Faktor bestimmt
werden: Geld. Da wo keins ist, sieht es auch so aus, da, wo welches ist
oder wo welches gemacht wird, sieht man es ebenso.
Claudio Hils hat das Ausgefranste, Monströse, Kitschige, Heruntergekommene,
den billigen Kulissenzauber, die Ödnis und die Anonymität dieser
modernen „Dream Cities“ mit verwirrender Brillanz fixiert.
Gleichwohl erzählt sein Foto-Essay nicht das Märchen von dem
schönen Leben in den großen Städten der Welt, sondern
konfrontiert uns mit der globalen Trostlosigkeit moderner Urbanität.
Sebastian Körber
Zeitschrift für Kulturaustausch März 2002
Editorial
Liebe
Leserin, lieber Leser, „wer die Welt verstehen will, muss in die
Stadt gehen“, könnte das Leitmotiv dieses Hefts heißen.
Oder: „Die Welt wird Stadt“. Lebte Anfang des 20. Jahrhunderts
gerade einmal jeder zehnte Erdbewohner in einer Groß- oder Kleinstadt,
so prognostiziert die UNO bereits für das Jahr 2005, dass mehr als
die Hälfte der Menschheit in Städten zu Hause sein wird. Und
ein Ende des Wachstums ist längst nicht in Sicht. Allein auf der
Südhalbkugel wird sich die urbane Bevölkerung in den kommenden
25 Jahren noch einmal verdoppeln. Mit welchen Folgen? Erleben wir in den
Städten, wie Oswald Spengler düster voraussagte, den Niedergang
der Zivilisation, die Erstarrung des menschlichen Lebens? Anna Tibaijuka,
die Exekutivdirektorin der UN-Stadtorganisation Habitat, ist sich sicher,
dass die urbane Revolution nicht gestoppt werden kann. Obwohl der 11.
September 2001 die Verwundbarkeit der Stadt auf schreckliche Weise vor
Augen geführt habe, werde sich das menschliche Siedlungsmuster nicht
ändern. „Nur wenn wir dieser Tatsache ins Auge schauen, können
wir das bisher unkontrollierte Wachstum lenken“, sagt sie im Interview
mit der Zeitschrift für Kulturaustausch. Trotz der bekannten Schattenseiten
– Kriminalität, Ausgrenzung, Elend – sieht sie die Megastädte
der Dritten Welt eher als Wachstumspole denn als erbarmungslose Moloche.
Auch die Geographin Ilse Helbrecht glaubt an die Erneuerungskraft der
Metropolen. Die Stadt der Zukunft nehme unterschiedlichste Lebensarten
in sich auf und liefere so etwas wie die „Gebrauchsanweisung zur
Organisation menschlichen Zusammenlebens“.
Wenn die Stadt die Probleme der Welt in sich aufsaugt, birgt dies natürlich
Sprengstoff. Die Rezepte, wie die einzelnen Metropolen damit umgehen,
sind sehr unterschiedlich. Wir haben daher für den Themenschwerpunkt
dieser Ausgabe Autoren aus 12 Städten gebeten, über ein zentrales
Thema ihrer Metropole zu berichten. So erzählt der griechische Literaturkritiker
Demosthenes Kourtovik, wie die hektischen Bemühungen der Athener
Stadtplaner, der Wiege Europas anlässlich der Olympischen Spiele
2004 ein modernes Gesicht zu geben, an den historischen Gegebenheiten
Athens vorbeilaufen. Der schwedische Schriftsteller Sven Lager berichtet
vom Leben der „Expats“ in Bangkok, einer Stadt, die mit dem
Stempel des Sextourismus leben muss. Der Historiker Karl Schlögel
zeigt Parallelen zwischen Berlin und Moskau auf: zwei Städte, die
durch die Wucht der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts aus der
allgemeinen Bahn der Stadtentwicklung herausgeschleudert wurden. Für
lange Zeit ihrer Rolle als innovative Zentren beraubt, versuchen sie nun,
in Rekordzeit den Rückstand aufzuholen. Wir erfahren, wie Brasilia,
die Beton gewordene Utopie, an den starren Regeln ihres Architektenplans
leidet und als teures Pflaster inmitten von Armut ein Inseldasein führt.
Wir entdecken Ähnlichkeiten zwischen Dubai und Shanghai, die sich
beide mit gigantischen Prestigeobjekten in die Riege der Weltstädte
katapultieren wollen. Und wir erfahren von dem Publizisten Reinhard Hesse,
mit welcher Gelassenheit die „Mutter der Welt“, Kairo, im
Laufe der Jahrhunderte Kulturen unterschiedlichster Provenienz in sich
aufgenommen hat. Wer die aufgeregten Meinungsartikel der ägyptischen
Presse liest, könne zwar den Eindruck gewinnen, das Land rüste
sich für einen Krieg, aber wer beim Bäcker sein Fladenbrot kauft
und die Gespräche der Gemüsehändler verfolgt, wisse, dass
die Ägypter nicht mitziehen würden. „Auch den Islamisten
ist es nicht gelungen, Kairo ihren Stempel aufzudrücken“, folgert
Hesse. Bei der Vorstellung der Städte haben wir bewusst eine alphabetische
Reihenfolge gewählt, um ihre Singularität hervorzuheben und
der Versuchung zu widerstehen, Abstufungen nach Bedeutung vorzunehmen.
An dieser Stelle sei ein Wort in eigener Sache gestattet. Die Mitarbeiter
der Zeitschrift für Kulturaustausch nehmen Abschied von Dr. Nikolaus
Klein, dem langjährigen Chefredakteur. Er kam 1980 nach zehn Jahren
als Deutsch-Lektor in Kalkutta und Madras und weitern zehn Jahren als
Generalsekretär der Deutsch-Indischen Gesellschaft in Stuttgart zum
ifa. 1982 übernahm er die Redaktion der Zeitschrift für Kulturaustausch,
die er bist 1994 leitete. Auch im Ruhestand stellte er sich noch lange
bis zum Umzug der Redaktion nach Berlin vor zwei Jahren als Lektor in
den Dienst der Zeitschrift und stärkte der Redaktion mit seiner Sorgfalt
und Gelassenheit den Rücken. Nikolaus Klein ist am 11. Juli 2002
gestorben.
Zeitschrift für Kulturaustausch März 2002
Urbane Welten – Sie Stadt als Mikrokosmos
Vielfalt auf engstem Raum: Metropolen sind Bühnen der Eliten, Arbeitsplatz
und Zufluchtsort der Marginalisierten sowie geistige Heimat der Künste.
Die sind Generatoren moderner Lebens-, Denk-, Kunst- und Konsumstile.
50 Prozent der Menschheit wird in naher Zukunft in Städten leben.
Nicht nur in Shanghai, Los Angeles, Sao Paulo oder Berlin versprechen
Metropolen Fortschritt und Fortkommen, Freiheiten und Erfolg. Zugleich
ist ihnen Scheitern, Elend, Einsamkeit und Zerstörung eingeschrieben.
Von diesen Kontrasten erzählen die Bilder dieses Thementeils, in
denen der Fotograf Claudio Hils dem Glanz der urbanen Welten das Elend
ihrer Slums gegenüberstellt.
Martina Sutter
Erlanger Nachrichten 8. März 2002
Albtraum vom wuchernden Moloch Großstadt
Fotograf Claudio Hils zeigt in der Kleinen Galerie einen Essay mit den
Metropolen Asiens und Amerikas – Die Kehrseite der „Dream
City“
Im
Rahmen der Ausstellung „Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“
zeigt die Städtische Galerie Erlangen einen „Foto-Essay von
Claudio Hils – Sao Paulo, Tokio, Bangkok, Los Angeles und zurück“.
Der Blick des Fotografen richtet sich dabei nicht auf die Zentren mit
ihren glänzenden, hoch aufstrebenden Fassaden, sondern er wendet
sich dorthin, wo der Moloch Großstadt in offene Land hinein wuchert,
wo Armut und Verelendung den Urbanisierungsprozess begleiten, kurz, wo
aus dem Traum der Stadt ein Albtraum wird.
Seit rund fünf Jahren recherchiert der 1962 geborene Fotograf Claudio
Hils in den amerikanischen und asiatischen Metropolen. Er hat die Stadträume
und die sich darin bewegenden Menschen in Momentaufnahmen festgehalten.
Seine Bilder der Alltäglichkeit zeigen Straßenschluchten der
Vorstädte, Müllhalden, Baustellen, Industriebrachen, aber auch
Parks und Grünanlagen.
Die Farbfotografien thematisieren dabei, wie es Manfred Schmalriede im
begleitenden Katalog beschreibt, durch All-over „das Grenzenlose,
nicht mehr von einem Punkt Überschaubare, kurz die Unübersichtlichkeit“
Bilder mit klaren Strukturen entstanden, die sich der Schnelligkeit des
städtischen Lebens entgegenstellen. Lichter, Farben und Straßenlärm
sind eingefroren.
Prinzip der Langsamkeit
Auch in seinen Video- und CD-Collagen orientiert sich der renommierte
Fotograf an diesem Prinzip der Langsamkeit. Die rhythmischen Bewegungsmuster
der Menschenmassen und Verkehrsströme werden durch lange, streng
komponierte Einstellungen eingefangen. Die Motorengeräusche des allgegenwärtigen
Verkehrs untermalen die Bildsequenzen. Claudio Hils, der in Essen Visuelle
Kommunikation studiert hat und seit 1993 als Kommunikationsdesigner und
Freier Fotograf in Essen und Ravensburg lebt, versteht sich als Chronist,
der die unkontrollierten urbanen Entwicklungen der Megastädte ohne
Ursachenforschung, abe4 auch ohne Lösungsmöglichkeiten dokumentiert.
Sein Blick auf die erwähnten außereuropäischen Metropolen,
wo es die intakte Stadtstruktur nicht mehr gibt, bietet Raum für
Reflexionen über mögliche urbane Entwicklungen in Europa. Denn
auch hier besteht die Gefahr, dass durch rapides, ausschließlich
ökonomisch orientiertes Wachstum jegliche kulturell Identität
verloren geht, so dass sich auch hier Agglomerationen von gesichtslosen
Architekturen ausbreiten.
Dass auch eine relativ kleine Stadt, wie Erlangen vor solchen Tendenzen
nicht vollkommen geschützt ist, zeigen die jüngsten bauliche
Entwicklungen. An einem der wichtigsten zentralen Plätze der Erlanger
Planstadt, dem Hugenottenplatz, soll ein Gebäude errichtet werden,
das in seiner Beliebigkeit weder die kulturelle Tradition des Ortes berücksichtigt,
noch durch eine innovative und markante Formensprache die Bedeutsamkeit
des Platzes betont.
Reinhard
Kalb
Nürnberger Zeitung 6. März 2002
„Dream City“ in Erlangen: Eine Ausstellung zur Zukunft des
Städtebaus
Turmhohe (T)räume
Foto-Essays von Claudio Hils ergänzen die Schau
„Nein,
ich bin kein Tourist – ich wohne hier!“ Also sprach der Autoaufkleber
eines genervten Einheimischen. Was wohl die vielen Tausend Besucher von
Rothenburg ob der Tauber darüber gedacht haben?
Merkwürdig: Da galt jene turm- und zinnenbewehte Freie Reichsstadt
einmal als ernsthafter Konkurrent zu Nürnberg. Dann fiel sie wie
Nürnberg in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie nicht einmal
die Industrialisierung reißen konnte. Heute gilt die Stadt über
der Tauber zwar als eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte,
gleichzeitig aber auch als ein Denkmal seiner selbst. Vor einer „Rothenburgisierung“
wird gewarnt, wenn Altstadtfreunde ihre Bedenken gegen moderne Bauten
vorbringen. Umgekehrt prangt der Aufkleber nicht umsonst auf einem Auto.
Die „autogerechte Stadt“, die in den sechziger Jahren propagiert
wurde, verhinderte aber (siehe Stuttgart, siehe München) ebenso das
Leben in der Stadt.
Himmlisches
Jerusalem
Was also sind die Kriterien, die eine Stadt zur „Stadt“ machen
und wie geht der Städtebau damit um? Die Ausstellung „Dream
City“ in Erlangen geht dem nach. Wer von „organisch gewachsenen“
Städten redet, verkennt, dass fast alle mittelalterlichen Städte
sich den topographischen Gegebenheiten anpassen mussten und überdies
militärischen Zwängen unterlagen. Eine Stadt, wollt die prosperieren,
musste an einem Fluss, einer Handelsstraße liegen, noch besser an
einer Kreuzung. Um den Wohlstand zu sichern, bedurfte es einer Stadtmauer:
So kurz wie möglich, so viel Platz wie nötig. Dies bestimmte
die dichte Bebauung, die bald in die Höhe führte und gar als
Vorwegnahme des himmlischen Jerusalems interpretiert wurde.
Gedanken, wie eine ideale Stadt auszusehen habe, wälzten Architekten
erst zu Zeiten der Renaissance. Ideal waren kreis- oder karreeförmige
Grundrisse. Unverzichtbar war der Mittelpunkt oder Fluchtpunkt, auf den
sich die gesamte Anlage zu richten hatte. Und dies war ausnahmslos ein
Ort der weltlichen oder geistlichen Macht. Planmäßig angelegte
Städte wie Mannheim, Karlsruhe und Erlangen erweisen sich aus der
Vogelperspektive als reizvolle Systeme. Gerne beugt der Besucher sich
über die Holzmodelle, bückt sich, um in die Fluchtlinien der
Magistralen zu spähen. Wer aber einmal längere Zeit in einer
dieser Städte verbracht hat, weiß um die Langeweile der Regelmäßigkeit.
Ein Platz muss also her. Wer die historischen Veduten von Florenz und
Mailand betrachtet, wird feststellen, dass die Stadtreklame von damals
anders als heutige Selbstdarstellungen Bettler, Krüppel und Asoziale
nicht ausklammert. Besonders schmerzhaft wird er angesichts historischer
Aufnahmen von Erlangens Plätzen feststellen, wie das Diktat des Individualverkehrs
die Plätze ihrer Wohnlichkeit beraubt hat.
Je näher die Gegenwart rückt, umso mehr spitzt die Ausstellung
den Gegensatz zu zwischen dem reinen Wohnen und dem Kommunizieren außerhalb
der eigenen Wände, sowie als Verschärfung des Gegensatzes die
Entzerrung der Wohn- und Arbeitssphäre.
Erstaunlich zu sehen, wie weit, bis ins 20. Jahrhundert hinein, die Auffassungen
der geplanten Stadt nach Renaissance-Muster vorherrschend blieb und der
Entwicklung der Industrialisierung hinterherhinkte. Erstaunlich aber auch,
mit welcher Rücksichtslosigkeit die kurze Blüte des Expressionismus
ihre floralen bzw. kristallinen Baupläne gegen bestehende Strukturen
einsetzte. Doch erst die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs
ermöglichten den Städteplanern den Freiraum zur Neugestaltung
unter dem Postulat des reinen Funktionalismus. Eine Neugestaltung, die
nur allzu bald ihr Scheitern dokumentierte, indem sie die Bedürfnisse
der Menschen auf ein ästhetisches Minimum reduzierte. Der Konflikt
zwischen Massenbehausung, Individualverkehr und Freizeitraum scheint heute
unlösbarer den je.
Wie allerdings planlos wachsende, sprich chaotisch wuchernde Städte
aussehen, das zeigt Claudio Hils in seinem Foto-Essay „Sao Paulo,
Tokio, Bangkok, Los Angeles und zurück“. Hils nimmt in seinen
Fotografien den Menschen zum Maßstab. Das heißt, dass der
Mensch von den umgebenden überdimensionalen Gebäuden erdrückt
wird. Gerne verwendet Hils auch Perspektiven, in denen Gitter, Zäune
und Vorhänge den Blick auf das Dahinterliegende verstellen. Das wirkt
reichlich plakativ. Andererseits: Werfen Sie doch einmal einen Blick aus
Ihrem Fenster. Steht nicht irgendwas in Ihrem Blickfeld, das Sie maßlos
ärgert?
Rudolf Schwarzenbach
Erlanger Nachrichten/ Nordbayerische Zeitung 22. Februar 2002
Vitale Zentren städtischen Lebens
Forderung nach nachhaltiger Stadtentwicklung – Beklemmender Blick
auf wuchernde Metropolen
Plätze
sind die Visitenkarte einer Stadt. Was wäre Siena ohne den Campo
oder Venedig ohne den Markusplatz? Und wer an Erlangen denkt, hat sicherlich
auch den schönen Schloss- und Marktplatz in seinen klaren Strukturen
im Blick. Bis Sonntag, 10. März, zeigt die Städtische Galerie
die vom Stadthaus Ulm konzipierte Ausstellung „Dream City –
Zur Zukunft der Stadtträume“. Diese eindrucksvolle Ausstellung
hat Karl-Manfred Fischer vom städtischen Kulturamt in sein Projekt
„Stadt und Zukunft“ anlässlich des 1000-jährigen
Jubiläums Erlangens eingebaut.
Die Ausstellung wurde neu geordnet und mit lokalen Beispielen vor allem
aus Erlangen ergänzt. Aus der grafischen Sammlung der Universitätsbibliothek
stammen alte Pläne und Stiche von Stadtansichten, die Stadträume
aus Wien, Frankfurt, Berlin, München, Nürnberg, aber auch aus
Rom, Florenz und Venedig zeigen. Aus dem Stadtarchiv kommen Stiche und
alte Fotografien von Erlanger Plätzen.
Frühere Städtebauer wussten um die Wirkung und Bedeutung der
Freiräume für das Leben in einer Stadt. Im Mittelalter und in
der frühen Neuzeit waren Marktplätze die zentralen Orte städtischen
Lebens.
Zu allen Zeiten gab es Idealvorstellungen, wie eine Stadt, ihre Strukturen,
ihre Bauten und Freiräume beschaffen sein sollten. Diese Vorstellungen
unterlagen im Laufe der Zeit, vom feudal strukturierten Mittelalter bis
zur industriellen Revolution und zur Mediengesellschaft unserer Tage,
erheblichen Veränderungen. Im Barock erfuhren die geometrisch-rationalen
Stadtstrukturen eine ideelle und räumliche Ausrichtung auf den absolutistischen
Fürsten.
Die Ausstellung zeigt dies eindrucksvoll mit der Stadtanlage von Karlsruhe,
deren Radialstruktur vom Mittelturm des Schlosses ausgeht. Ob in der Renaissance,
im Barock oder im 19. Jahrhundert – in der Regel orientierten sich
die Gebäude am Verlauf der Gassen und definierten mit ihren Fassaden
den Straßenraum.
Auch die Auflösung kompakter Stadtstrukturen im 20. Jahrhundert,
die Shopping- und Erlebniscenter auf der grünen Wiese, und die Nachbildung
historischer Stadtbilder in Freizeitparks („Disneyland“) haben
letztlich dem Charme historischer Innenstädte nicht wesentlich schaden
können. Max Stemshorn, Ausstellungskurator am Stadthaus Ulm, kommt
in seinem Katalog-Beitrag zu einer optimistischen Schlussbetrachtung:
„Vielleicht ist die europäische Stadt sogar Modell, das noch
Zukunft hat und die weltweiten Verstädterungsprozesse befruchten
Kann: die kompakte Stadt als Leitbild hinsichtlich des Flächen- und
Energieverbrauchs ... und öffentliche Räume, in der sich eine
zunehmend in unterschiedlichen Lebensstile ausdifferenzierende Gesellschaft
noch begegnet ... Um dies zu erreiche, bedarf es einer Stadtplanung, die
sich nicht als Verwaltung gebärdet, sondern als aktive Kraft, unbeirrt
vom tagespolitischen Wechselspiel, eine nachhaltige Stadtentwicklung betreibt.“
Mittelpunkt des lokalen Teil der Ausstellung sind die Plätze der
barocken Planstadt Erlangen und ihre Veränderungen, die sie im Laufe
der Zeit erfahren haben. Besonders positiv werden die Entwicklungen des
Schloss- und Marktplatzes („anziehender Freiraum“), des Neustädter
Kirchenplatzes („Platzjuwel“) und der Altstädter Kirchenplatz
(„Wohnzimmer unter freiem Himmel“) gewürdigt. Problematischer
dagegen ist die Sicht auf den Theaterplatz („kein Platz in der ersten
Reihe“), auf Rathaus- und Bahnhofsplatz. Auch der Martin-Luther-Platz
hätte eine Aufwertung dringend nötig.
Nicht unerwähnt sollen zwei Beispiele von Platzgestaltungen durch
Unternehmen bleiben: zum einen der „Rote Platz“ von Siemens
in Erlangen, der als repräsentativer Eingangsbereich Strukturen der
Halbleitertechnik für die Platzgestaltung verwendet, zum anderen
die erst vor kurzem vollendete Piazza von Audi in Ingolstadt, deren Architektur
es ermöglicht, aus einem „Wallfahrtsort der Automobilsten“
am Abend einen Ort der persönlichen Begegnung zu schaffen. Teil zwei
der Ausstellung ist den Fotografen Claudio Hils gewidmet, der in Sao Paulo,
Tokio, Bangkok, Los Angeles und Las Vegas die Stadträume und die
sich in ihnen bewegenden Menschen aufgenommen hat. Mit dem beklemmenden
Eindruck, dass die Entwicklung in diesen Metropolen auf heute noch intakte
europäische Innenstädte überschwappen könnte, verlässt
der Besucher nachdenklich die Ausstellung, für die auch das ausliegende
Katalogbuch empfohlen werden kann.
Stefan Mössler
Nürnberger Nachrichten / Erlanger Nachrichten 22. Februar 2002
Rote Plätze und Utopien
Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Stadtplanung: Die Erlanger Ausstellung
„Dream City“
Ist
diese Aufnahme nun in Los Angeles, Sao Paulo, Tokio oder Bangkok entstanden?
Die Zuordnung fällt schwer. Die Fotos von Claudio Hils setzen die
gängige Vorstellung vom „typischen“ Erscheinungsbild
der Metropolen außer Kraft. Die eingefangenen Situationen könnten
aus jeder beliebigen Großstadt stammen, lediglich die asiatischen
Schriftzüge geben gelegentlich Hinweise auf den Entstehungsort. Ansonsten
bleiben universelle Szenerien, die gleichzeitig gefilmt wurden und nun
zusätzlich per Bildschirm Lärm und Hektik verbreiten. „Dream
Citys“, Traumstädte, stellt man sich eigentlich anders vor.
„Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“ nennt
sich die zweigeteilte Ausstellung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Stadt
und Zukunft“ in der Städtischen Galerie Erlangen. Claudio Hils`
Foto-Essay ist chronologischer Endpunkt der Hauptschau „Zwischen
Tradition und Utopie – Veränderung des öffentlichen Raums“,
die sich durch die Jahrhunderte hindurchtastet, viele Themen der Stadtentwicklung
antippt und sich vor allem der Auflösung traditioneller Stadtstrukturen
widmet.
Die Reise durch die Vergangenheit startet in einer Zeit, als die Menschen
– genauer gesagt die Herrscher – konkrete Vorstellungen vom
Erscheinungsbild ihrer Städte hatten. Die Erschaffung von öffentlichen
Räumen wird auch an lokalen Beispielen festgemacht. Das Kapitel Mittelalter
ist dabei auf Nürnberg fixiert. Doch vor allem die Konzeption der
barocken Planstadt Erlangen wird ausgiebig mit Modellen, Stichen und historischen
Fotos beleuchtet.
Die Ausstellung zeichnet anschließend nach, wie während der
Industrialisierung die idealtypische Stadt verschwindet. Neue Bauherren
prägen die öffentlichen Räume. Die Erlanger Schau stellt
dabei dem heimischen Beispiel des „Roten Platzes“ der Siemens
AG die Audi-Piazza in Ingolstadt gegenüber. Immer offensiver wird
Architektur von Firmen eingesetzt, um mit prunkvoller „Corporate
Identity“ in die Öffentlichkeit zu treten. Zudem wird
gezeigt, wie in den kommenden Jahren die Neubauten der Universitätsklinik
das Erlanger Stadtbild verändern.
Viele weiter interessante Einzelbeispiele aus verschiedenen Epochen tauchen
auf: Die Neugestaltung des Ulmer Münsterplatzes, die Stuttgarter
Weißenhofsiedlung (deren 75. „Geburtstag“ gerade groß
gefeiert wird) oder die Utopien für moderne Städte aus den 20er
Jahren, die Filmkulissen zu „Metropolis“ gleichen. Doch die
„Veränderungen des öffentlichen Raums“ können
– bei der Größe der Städtischen Galerie ist dies
gar nicht anders möglich – nur punktuell aufgegriffen werden.
Dennoch ist die Ausstellung ein lohnenswerter Schnelldurchlauf durch die
Geschichte der Stadtplanung.
Dieter Stoll
Abendzeitung Nürnberg 19. Februar
Die Macht auf dem Marktplatz
Erlangen auf der Suche nach der Zukunft der Städte: „Dream
City“
Draußen
vor der Tür lauert das Knoblauchsland, drinnen im Saal lärmt
die Metropolen-Welt; vom real existierenden Gemüsestand zum nerverzerfetzenden
Verkehrs-Video sind es nur ein paar Schritte. „Dream City“
steht auf den Plakaten der Städtischen Galerie am Marktplatz, die
eine Ausstellung „zur Zukunft der Stadträume“ versprechen
und beiläufig in eine Auseinandersetzung mit Architektur-Schlachten
mehrerer Jahrhunderte führen. Karl Manfred Fischer hat das Thema
großflächig im Programm der 1000-Jahr-Feier platziert, nachdem
schon seit November eine für neun Adressen in Bayern hausgemachte
Wanderschau „Architektur in Franken 1995-2001“ den selbstbewussten
Grundton anschlägt. Logisch, dass bei der lokalen Bestandsaufnahme
in media-ART.zentrum (Helmstr. 1) hinter dem Slogan „Erlangen –
eine Stadt mit Zukunft“ das gut denkbare Fragezeichen fehlt.
„Alles ist erlaubt“, beschrieb der Berliner Experte Karl Ganser
skeptisch den Stand der Entwicklung im Städtebau bei der Fachtagung,
die am Wochenende mit Meinungs-Zündstoff eine Theorie-Basis für
die weit reichenden „Lebensraum“-Projekte zum Jubel-Termin
schaffen sollte. Bis in den Herbst hinein sind Themen gestreut, von der
„Wohn-Kultur“ (ab April im Siemens-Forum) über den Druck
zur Erlebnis-Stadt unter dem Hohn-Begriff „Disneyfizierung“
(September, Städtische Galerie) bis zu „Global Babylon City“
(Herbst Stadtmuseum).
In der jetzt eröffneten Schau im Palais Stutterheim kann der Besucher
wählen, wie er den Kulturschock organisieren möchte. Recht in
der Kleinen Galerie der fotokünstlerisch gefilterte Blick auf den
Moloch Großstadt, wie ihn Claudio Hils nach fünfjähriger
Motiv-Suche in den legendären Ballungsräumen zwischen Sao Paulo,
Tokio und Los Angeles zur ordentlich gereihten Glanzbilderstrecke arrangierte.
Nur der Monitor lärmt aufsässig dazwischen.
Auf der andren Seite ist man mit einem Schritt in Nürnberg, sieht
– diesseits aller Rechtschreibreformen – die „Abb. Deß
schönen Bronnen auff dem Marckt stehendt“. Radierungen, Stiche,
historische Skizzen von den allzeit populären Traumadressen (Versailles,
Venedig, Florenz, Mailand) belegen die elastischen Philosophien über
die zuordnende Geometrie der Macht und die sogkräftige Demokratie
des Marktplatzes. Leider zeigt die vom Stadthaus Ulm übernommene
und neu bearbeitete Ausstellung nicht, was aus den Entwürfen vom
Mittelalter bis in die Gegenwart wurde. Notfalls hätte es eine Ansichtkarte
getan.
Auflockerung und zeitweilige Auflösung der Städte mit inzwischen
lautstark vertretener Renaissance für den harten Kern, das Glas als
seit 1914 klirrendes Phantom der Freiheit, die Piazza als Maß aller
Visionen. Schock-Bilder vom Nürnberger Hauptbahnhof sind dabei freundlicherweise
nicht verwendet worden.
Ein niedliches Erlanger Innenstadt-Modell, 1940 mitten im Weltkrieg gebastelt,
ist von Foto-Dokumenten späterer Jahre umstellt, als vor der Tür
der Galerie die Massen den Platz zum Protestforum gegen Notstandsgesetze
nutzten. Städtebauliches Firmen-Design wird im Vergleich dokumentiert
– Siemens in Erlangen und Audi in Ingolstadt. Spätestens da
fällt einem die Ironie im Titel „Dream City“ auf.
Erlanger Nachrichten 15. Februar 2002
Ausstellung „Dream City“ ab morgen geöffnet
Plätze einer Stadt
Projekt der Städtischen Galerie mit Erlanger Bezügen
„Stadt
und Zukunft“ ist das große Thema, das in diesem Jahr das 1000-jährige
Jubiläum Erlangens mit einer Vielzahl von Veranstaltungen begleitet.
Dazu zeigt auch die Städtische Galerie ab Samstag die Ausstellung
„Dream City – Zur Zukunft der Stadträume“.
Die vom Stadthaus Ulm konzipierte Ausstellung ist von Karl Manfred Fischer
neu zusammengestellt und um einige, insbesondere auch lokale Exponate
bereichert worden. Aus der grafischen Sammlung der Universität Erlangen
stammen die alten Pläne und Stadtansichten, die rund drei Jahrhunderte
europäische Platzgestaltung streifen. Aus dem Stadtarchiv kommen
Modell, Stiche und alte Fotografien zur Geschichte der Plätze der
barocken Planstadt Erlangen. Ein aktuelles Beispiel für den öffentlichen
Raum ist das Areal um das neue Nichtoperative Zentrum, belegt durch ein
Stadt-Modell der Universitätsbauamtes.
Ein so noch nicht geführter Exkurs bezieht die Entwicklung des öffentlichen
Platzes als Teil der Unternehmens-Corporate-Identity ein. Zwei prägnante
Beispiele werden einander gegenübergestellt: der so genannte „Rote
Platz“ der Siemens AG in Erlangen, 1981 vor dem blauen Hochhaus
angelegt, und die „Piazza“ von Audi in Ingolstadts Nordstadt,
die von Vittorio Lampagnani und Wolfgang Weinzierl entworfen wurde.
Wohn!Design
Juli/August 2001
In Ulm, um Ulm und...
Städtebauliche Bilanzen bis Anfang Juli
Die
Kuratoren des Ulmer Stadthauses üben sich in städtebaulicher
Kritik und präsentieren Impressionen aus allen Himmelsrichtungen:
Egal ob L. A., Bangkok oder Tokio – was Starfotograf Claudio Hils
vor die Linse bringt, spricht nicht gerade für die Stadtplaner des
20. Jahrhunderts. Auch wenn manch´ prunkvoller Palast oder hoher
Kirchturm Touristentrauben um sich scharen, beim Thema Plätze werden
meisten nur historische Ensemble frequentiert. Warum eigentlich? Dieser
Frage geht „Dream City“ nach und stellt die Entwicklung des
öffentlichen Raums schlaglichtartig vor – ein unbedingt sehenswertes
Fiasko.
Marc
Peschke
Photonews Juli/August 2001
Max Stemshorn (Hrsg.)
Dream City
Die Zwischenräume des Urbanen – mit einem Fotoessay von Claudio
Hils
Als
Europäer lassen sich die immer rasanter wachsenden urbanen Zentren
Asiens, Lateinamerikas oder Afrikas kaum begreifen, sich zurechtzufinden
ist ganz unmöglich. Immerhin: Der Fotograf Claudio Hils hat es versucht.
Das Ergebnis ist die Ausstellung „Dream City“ – nach
„Der Kunst-Garten“ und „Die Inszenierung der Freizeit“
der dritte Teil der außerwohnlichen Projektreihe „Architektur
und Umwelt“ des Stadthauses Ulm. Ausstellung und Katalogbuch stellen
die Frage nach der Zukunft unserer Städte. Im Zentrum des Fotoessays
von Hils stehen allerdings nicht die Stadtzentren, die zusehends zur pittoresk
inszenierten Kulisse geworden sind. Hils hat sich aufgemacht, die Ränder
der Städte fotografische auszuleuchten, die Zwischenräume der
Urbanen, wo die Zeit bisweilen stillzustehen scheint: im Grenzbereich
zwischen Traum und Realität.
Der immense Bevölkerungszuwachs in den neuen Mega-Städten ist
zum drängenden Problem geworden: Schon heute können viele Städte
ihrer Bevölkerung nicht mehr ausreichend Energie und Wasser zur Verfügung
stellen – und an ihren Rändern entstehen riesige Abfallberge.
Und doch scheint die Stadt die einzige Siedlungsform des Menschen zu sein,
die ein Überleben sichert. Von der hohen „ökologischen
Effizienz“ der Städte ist in einem Buchtext die Rede –
der gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur. So richtet sich der Fokus des
deutschen Fotografen Claudio Hils auch nicht einseitig auf die Problematik
des Neuen Bauens, nicht die „Unwirtlichkeit“ dieser Städte
ist sein singuläres Thema. Stattdessen macht Hils Unterschiedlichkeiten
von Stadtbildern ( am Beispiel von Las Vegas, Los Angeles, Sao Paulo,
Bangkok und Tokio) und ihren Strukturen sichtbar. Eine ganze Reihe von
Arbeiten zeigen die bereits angedeutete Kulissenhaftigkeit des urbanen
Raums, die in Architekturtypen wie der Shopping Mall auf die Spitze getrieben
wird.
Man wird sich – auch das ist eine These von Claudio Hils´
Fotoessay und den Textbeiträgen von Mac Stemshorn, Sabine Presuhn,
Klaus Töpfer, Sebastian Redecke, Ulrich Schneider und Manfred Schmalriede
– in Zukunft von der europäischen Idee kompakter und zentraler
Innenstädte verabschieden müssen. Riesige Baugruben, ein undurchdringliches
Geflecht von Kabeln, Strommasten, Straßen und Kanälen deuten
dies bereits heute an. Die gezeigten Vorstädte erschüttern in
ihrer Banalität – und wenn im Katalog davon zu lesen ist, diese
Entwicklung würde in vielen Fällen von den Bewohnern akzeptiert,
so sprechen einige der Fotografien eine andere Sprache. Man macht aus
der Not eine Tugend, richtet sich in Nischen ein, seien es Bretterverschläge
oder nur eine Straßenecke, die zum Treffpunkt der Menschen geworden
ist.
Neben der Kulissenhaftigkeit von Zoos, Einkaufszentren und Parks sucht
der Blick des Fotografen vor allem jene urbanen Felder, deren Nutzung
noch nicht endgültig definiert scheint: Brachflächen, Müllhalden
und Baustellen, die überall auf der Welt durch Bretterzäune
und Maschendraht von anderen Stadtgebieten separiert werden. Dass selbst
diese Zäune wiederum zur Illusion von Urbanität genutzt werde,
ist auffällig. Kaum ein Bauzaun, der nicht auch Werbefläche
ist – oder als Kulisse imaginierter Einkaufsparadiese dient.
Sich im „urban jungle“ zurechtzufinden ist schwierig, doch
bietet der Fotograf freundlicherweise Hilfe an. In gewisser Hinsicht macht
er sich, wie Manfred Schmalriede in seinem Buchtext aufzeigt, eine eigen
Fremdheit zunutze: „Zwischen sich und seine Umgebung schieb er die
Kamera als vermittelnde Instanz, um über die Distanzierung Nähe
zu erzeugen.“
Hils´ fotografischer Ansatz ist auch in diesem Widerspruch zu verstehen:
Distanz schafft der Fotograf etwa, indem er aus der Vogelperspektive einen
Blick auf die urbane Welt zu erhaschen sucht: Häufig fotografiert
er sein Bilder von erhöhtem Standpunkt und meistens mit einer beinahe
wissenschaftlich anmutenden Tiefenschärfe. Doch sind es vor allem
die Kompositionen, welche den distanzierten Kamerablick immer wieder hintergehen.
So rückt Hils etwa den ärmlichen Bretterverschlag einer Familie
aus Sao Paulo ganz nah an den Betrachter. Darüber laufen Stromleitungen
aus dem Bild, welche die Endlosigkeit (auch Ausweglosigkeit) der gezeigte
Wohn- und Lebenssituation vor Augen führen.
Dass Hils´ Arbeiten das Chaos heutiger Städte in Bilder fassen,
die auseinanderstrebende Linien, Raster und Strukturen zu eindringlichen
Fotografien verdichten, macht sie zu etwas Besonderem – vor allem,
weil ihr Sujet genau das nicht mehr leisten kann: Aus den historischen
Städten mit ihren einprägsamen, originären Zentren sind
auseinanderlaufende, oft austauschbare, grenzenlose Monster geworden,
deren unübersichtliches „Allover“ (Schmalriede) gleichermaßen
Alarmsignal und Faszinosum geworden ist. Claudio Hils gibt diesen Orten
eine neue Ordnung.
Bruno
Manz
Fotomagazin Juli 2001
Die
Fontana die Trevi in Rom, die Kathedrale Notre Dame in Paris oder der
Buckingham Palace in London – es sind noch immer die Motive, die
unser Bild von Großstädten prägen. Tausendfach auf Postkarten
Vervielfältigt. Titelfotos unzähliger Reiseführer. Als
Claudio Hils seine Mamiya 6x7 in Tokio, Bangkok, Sao Paulo, Los Angeles
aufstellte, hatte er sich diese Metropolen gezielt ausgewählt, um
das Bild der Großstadt von heute zu hinterfragen. Und stellte am
Ende fest, dass er von diesen doch so gänzlich voneinander entfernten
Orten rund um den Globus mit dem gleichen Bildmaterial zurückkehrte.
Das legt nun zweierlei Interpretationen nahe: Hils hat zum einen eine
ganz ausgeprägt individuelle Sicht der Dinge. Seine Fotos analysieren,
zerlegen Stadtlandschaften, Erlebtes in Fragmente, in Signifikantes, suchen
nach Strukturen. „Ich spiele nicht mit dem Zufall“, sagt der
39jährige Fotograf. „Meine Bilder sind bis ins Letzte durchgestaltet.“
Hils formt aufnahmen nach eigenen Vorstellungen, holt Betongiganten aus
verschiedenen Blickwinkeln ins Bild, konstatiert die Banalität öffentlicher
Räume in Vorstädten und Wohnsiedlungen – mit großer
Tiefenschärfe oft von erhöhten Standpunkt fotografiert. Darüber
hinaus legt uns der Fotograf nahe, über den „städtebaulichen
Pragmatismus in den Metropolen“ nachzudenken. Er zeigt die immer
gleichen Metastrukturen der modernen Großstadt in verschiedenen
Kulturkreisen. Geschichte ist für Hils im Bild der Stadt zum fragwürdigen
Tourismus-Event degradiert, das ihn nicht interessiert. Seine Motive spezifizieren
den Ort nicht, konzentrieren sich auf die uniforme Gegenwart. Und legen
die erschreckende Normierung architektonischen Denkens nahe.
Joachim
Goetz
Ruhr Nachrichten 21. Juni 2001
Kulissen für Touristen
Ausstellung: Ulm zeigt die Auflösung der Stadtzentren
Man
liebt, achtet, bewundert sie auf der ganzen Welt. Die großen Plätze
der europäischen Stadtbaukunst – Il Campo/Siena, Place Vendome/Paris,
Piazza Navona/Rom, Pariser Platz/Berlin – werden jährlich von
Millionen Touristen geradezu heimgesucht. Aber was ist heute noch dran,
an den nostalgischen Orten? Eine Ausstellung des Ulmer Stadthauses zeigt
unter dem Titel Dream City eindrucksvoll eine andere Wirklichkeit.
Schlaglichtartig zeichnet die Schau die Entwicklung des Raumes europäischer
Städte nach. Im 20. Jahrhundert war die Stadt geradezu revolutionären
Veränderungen ausgesetzt. Zuerst ließ man das Auto reinfahren
und parken, dann verbannte man es wieder. Der Kommerz ließ von den
Gebäuden oft höchstens die Fassaden übrig. Die Anmutungen
sogenannter gewachsener Stadtstrukturen kamen dabei ja reichlich zu kurz.
So entstanden im letzten Jahrhundert, auf das die Schau den Schwerpunkt
legt, nur wenige öffentliche räume, die auf Menschen ein große
Faszination ausüben.
Im Gegensatz zu den Funktionalisten wussten alte Baumeister und Städteplaner
offensichtlich exakt um die Methoden, mit denen man beeindruckende Freiräume
erzeugte. Schließlich sind es ja nicht nur die von Postkarten prangenden
Paläste, antiken Monumente oder Kirchen, die unsere Vorstellung von
Stadt prägen. Es sind eben auch die unbebauten Teile.
Als man sich all das wieder ins Gedächtnis zurückgerufen und
publik gemacht hatte, entstand bald eine restaurative Bewegung. Sie erzwang
– nicht selten gegen erbitterte Widerstände von Auto-Lobby
und Einzelhandel – die behutsame Erneuerung alter Stadträume.
Die Aktivitäten dort sind freilich touristisch, kommerziell und stehen
in krassem Widerspruch zu den tristen Realitäten der Vorstädte.
Das muss heutzutage (jedenfalls in Europa) jedoch nicht unbedingt zu großem
Katzenjammer führen, die pittoresken Zentren sind leicht erreichbar.
Allerdings findet man dort keine vitale Altstadt im historischen Sinne
mehr, eher eine Art Kulisse, die den ansprechenden Hintergrund für
Erbauungen wie Shopping, Tourismus, Event oder Flanieren bilden. Die dort
noch lebenden Menschen werden gleich mit zur Staffage. Die Bilder intakter
alter, historischer Innenstädte symbolisieren auch hochstehende Kultur,
Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung oder gar politische Stabilität.
Sie werden mit positiven Emotionen, Sehnsüchten und Träumen
besetzt und deshalb nicht zuletzt gerne bei der Ausstattung von Freizeittempeln
und Einkaufsparadiesen zitiert. Die Ausstellung stellt nun mit einem einzigartigen
Fotoessay die Frage, ob es sich bei der europäischen Stadt nicht
vielmehr um ein Trugbild handelt. Schließlich ist sie zu einer Art
leeren Hülle geworden, austauschbar, nachbaubar, Disney-mäßig.
Und die Realität in den wirklich großen Städten der Welt
etwa Sao Paulo, Tokio, Los Angeles, Bangkok, Schanghai sieht ganz anders
aus, meist chaotische explodierend.
Daniel Kothenschulte
Frankfurter Rundschau 16. Juni 2001
Ordnung in der Unordnung: „Dream City“, Claudio Hils Fotografien
urbaner Freiräume
Als
die Berliner Mauer gefallen war und ihr Schutt noch nicht ganz weggeräumt,
da hörte man auch einen kühnen Vorschlag, sie doch noch zu retten.
Wenn es so sei, dass die Bauten langfristig das Gesicht das Städte
weit weniger prägen als Leerflächen wie Plätze und Straßen,
dann hätte man an die Stelle der Mauer nur einen Boulevard setzen
müssen. Was als Mahnmal an die Teilung der Stadt gedacht gewesen
war – es hätte diese wohl für Jahrhunderte festgeschrieben.
„Dream City“ heißt eine vom Ulmer Architekten und Kurator
Max Stemshorn herausgegebene Essay-Sammlung über den Bedeutungswechsel,
den bewohnbare Freiflächen in der Städteplanung erfahren haben.
Hauptattraktion und –motivation des großformatigen Bandes
zu einer Ulmer Ausstellung ist aber ein Fotoessay des Essener Fotografen
Claudio Hils (Jahrgang 1962).
Plätze, in vergangenen Jahrhunderten weithin sichtbare Zeichen von
Reichtum und Lebensfülle einer Metropole, wurden im 20. Jahrhunderts
zu Stiefkindern der Stadtplanung degradiert. Und doch produzieren gerade
die Megacities wie Sao Paulo, Tokio, Los Angeles, Bangkok und Las Vegas
höchst belebte Feiflächen. Was hat eine bewohnte Müllhalde
in Sao Paulo noch mit dem Idealbild europäischen Piazza gemein? Hils
hat all diese Orte bereist und Bilder von ihnen gemacht, stets die tradierten
Ordnungsvorstellungen im Gepäck. Man wird nicht ganz schlau daraus
ob sein stets sichtbarer Wille zur Komposition, zur Schwerpunktsetzung
oder semiabstrakten Strukturzeichnung diese Differenz nun thematisieren
will – oder nicht ablegen kann. Hochhausfassaden aus Sao Paulo verwandeln
sich in seiner Kamera in elegant austarierte Kompositionselemente, Autos
auf einer Schnellstraße in Los Angeles hinterlassen vor einem ethno-kitschigen
Wandbild malerische Spuren.
Stahlträger eines brasilianischen Hochhaus hätten in ihrem spannenden
Raster auch schon Rodtschenkow gefallen, während jener Blick durch
einen japanischen Kirschbaum auf einen Tokioter Platz schon Van Goghs
Geschmack getroffen hätte. Immer gibt es einen Blickfang in Hils
Bildern, was sie durchaus den Fotoakteuren der Magazine anempfiehlt. Aber
wozu überhaupt die Suche nach all der Attraktion im Ereignislosen?
Liegt doch gerade die ästhetische Besonderheit mancher Wegwerf-Architektur
in der Abwesenheit des Gestaltungswillen und ihrer dennoch sich einschleichenden
ästhetischen Reize. Am besten gelingen jene Arbeiten – wie
eine Passantengruppe in Sao Paulo, eingefangen zwischen weißen Hochhausfassaden
und gelben Bauzaunmaschen – in denen sich Hils Ästhetisierungen
lediglich auf das ausgeprägte Farbempfinden des Fotografen verlassen.
Der sichtbare Ausdruck von Urbanität und Peripherie ist ein beliebtes
Thema der zeitgenössischen Fotografie. Die größte Herausforderung
an dieses Sujet liegt dabei in der Frage, inwieweit sich die Fotografie
dabei ebenfalls der Erwartung auf Attraktion verweigern kann, ohne indifferent
zu werden. Setzt doch Verkehrsarchitektur ihre eigenen ästhetischen
Standards der Unauffälligkeit, die gerade dann bildhaft evident werden,
wenn da mit nichts Außergewöhnliches unternommen wird.
Vielleicht bringt ja gerade Hils verzweifelte Suche nach dem Bildwürdigen
der Unauffälligkeit jenes Dilemma am besten zum Ausdruck, welches
das verkorkste Verhältnis des gestaltungsverletzten 20. Jahrhunderts
zum öffentlichen Freiraum mehr als alles andere prägte die Angst
vor der Unordnung.
Frankfurter Allgemeine Zeitung 07. Juni 2001
Kein Platz: Städte träumen nicht von Menschen
Die Plätze Roms oder die Boulevards von Paris, schreit der Architekt
und Stadtplaner Max Stemhorn zu der von ihm konzipierten Ausstellung „Dream
City“, stünden nicht nur für Urbanität. Vielmehr
verbänden sich mit ihnen auch Begriffe wie Wohlstand, Kultur, gesellschaftliche
Ordnung und politische Stabilität. Dann aber fragt er, ob diese Freiräume
nicht längst zur bloßen Kulisse verkommen seien.
Das Bild von der Stadt als geordnetes und überschaubares Zuhause,
als Heimat, hat freilich so lange schon Schrammen, Dass es wenig originell
erscheint, noch von der Unwirtlichkeit der Städte zu sprechen. In
den Metropolen Europas herrschen großenteils Chaos und Wüstenei.
Doch erst das ungestüme Wachstum solcher Mega-Agglomerationen wie
Sao Paulo und Los Angeles, Bangkok und Tokio oder der in die Wüste
gepflanzten Großstadt Las Vegas macht deutlich, was tatsächlich
auf dem Spiel steht, wenn alte Strukturen leichtfertig aufgegeben werden.
Ein Foto-Essay von Claudio Hils mit Bildern ebenjener Orte, Darstellungen
jenseits der vertrauten Postkarten-Ansichten, bilden deshalb das Herzstück
der Präsentation. In Kompositionen von bestechender Klarheit und
Schönheit werden bei Claudio Hils Brücken, Gerüste und
Fassaden gleichsam zu Mitteln, den Menschen auszusperren. Die Bewohner
werden zu Fremdkörpern in ihrer eigenen Umgebung. – Unsere
Abbildung zeigt eine Straßenschlucht in Sao Paulo.
Deutsche
Bauzeitung Juni 2001
Dream City (Ulm)
Der
öffentliche Raum steht in der Diskussion – und zur Disposition.
Seine Privatisierung schließt Menschengruppen aus, die Motorisierung
erweitert ihn ins Unendliche, so dass er kaum mehr erlebbar wird. Die
Zentren der Städte werden für die aufgemöbelt, die nicht
dort wohnen und am Feierabend und am Wochenende eine stimulierende Umgebung
suchen, um sich beim Einkaufen wohl zu fühlen. An den schäbigen
Orten des öffentlichen Raum im Laufe der Geschichte unterworfen?
Die Ulmer Ausstellung geht dieser Frage sachlich und anschaulich nach,
sie dokumentiert, wie und unter welchen architektonischen Idealen der
Raum in unseren Städten verändert wurde. Dies ist der erste
Teil der Ausstellung. Er dokumentiert neben der Kulissenarchitektur der
Postmoderne auch die Bemühungen, den Stadtraum auch dort zu gestalten,
wo er wirklich noch das Lebensumfeld des Menschen ist.
Der zweite Teil der Ausstellung wurde von Claudio Hils gestaltet. Seine
Fotografien dokumentieren, welche Entwicklung der öffentliche Raum
dort nimmt, wo es kein geschichtsmächtiges Bild der alten Stadt gibt:
in Los Angeles, Las Vegas, Sao Paulo, Bangkok und Tokio. Nach Bildthemen
geordnet, geben diese Bilder einen Eindruck dessen, was auch in Europa
möglich sein könnte: von der Vereinheitlichung der Gestaltung
bis zum Elend in Armenvierteln. Eine Installation macht darauf aufmerksam,
dass sich in Ulm selbst in den letzen Jahren einiges verändert hat.
Auf verschiedenen Ebenen wird der Boden wieder als das dargestellt, was
er vor dem Bau des Stadthauses war: ein asphaltierter Parkplatz.
IHK-Magazin Juni 2001
Um
städtische Plätze und Freiräume geht es in der Ausstellung
Dream City, die bis zum 1.Juli im Stadthaus Ulm zu sehen ist. Einerseits
üben die historischen Innenstädte Europas weltweit immer noch
große Faszination aus, andererseits werden sie mehr und mehr zur
Kulisse für Shopping und Events. Die Ausstellung zeigt die revolutionären
Veränderungen, denen europäische Straßen und Plätze
im 20. Jahrhundert unterworfen waren. Außerdem zeigt sie Bilder
von chaotischen wachsenden Städten in Asien und Südamerika und
stellt die Frage, ob das Festhalten am Bild der traditionellen Stadt nicht
längst ein irrealer Traum ist.
Jochen
Paul
Bauwelt Juni 2001
Dream City
Was
wäre Siena ohne die Piazza del Campo, Venedig ohne die Piazza San
Marco und den Campanile? Die Attraktivität der Städte fußt
auf der Qualität ihrer öffentlichen Räume, und die waren
in der Vergangenheit mehr als nur die Summe aus Häusern und Baulücken
– darum geht es der Ausstellung. Deshalb lenkt der Ausstellungsleiter
Max Stemhorn den Blick weg von spektakulären Einzelbauten hin zu
den umliegenden Freiräumen. Wem die Schautafeln nicht reichen, -
eine enthüllt ganz nebenbei, wie viel Richard Meiers 1993 realisierter
Entwurf für das Stadthaus einem nicht realisierten Entwurf von Hans
Scharoun aus dem Jahre 1924 verdankt – muss nur aus dem Fenster
auf das Münster und den Münsterplatz schauen, um Glanz und Elend
der Stadt zu begreifen.
„Dream City“ besteht eigentlich aus zwei Ausstellungen: aus
einer Chronologie der mitteleuropäischen Stadtentwicklung seit dem
10. Jahrhundert und aus großformatigen Farbfotografien von Claudio
Hils, die auf den ersten Blick mit dem anderen Teil wenig zu tun haben.
Auf den zweiten Blick schon: Zwar gelingt es „Dream City“,
die grundlegenden Paradigmenwechsel von der mittelalterlichen Siedlung
an der Handelsstraße zur befestigten Bürgerstadt der Renaissance,
vom absolutistischen Herrschaftsmodell des Barock zur modernen Metropole
des 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Und es gelingt auch aufzuzeigen,
warum die Bedeutung des Stadtr4aums vom 15. bis ins 20. Jahrhundert abgenommen
hat und warum die Vorkriegsmoderne mit ihren städtebaulichen Idealen
scheitern musste.
Die Ausstellung hält aber nicht, was sie im Untertitel verspricht,
nämlich eine Aussage „zur Zukunft der Stadträume“
zu treffen, und sei es nur für die „europäische Stadt“
– dass es die Postmoderne und der Neo-Historismus nicht gewesen
sein können, weiß jeder, der einmal einen Nachmittag im Potsdamer
Kirchsteigfeld verbracht hat. Der Ausblick jedenfalls, dass die Stadt
als Konsumgut inszeniert wird, ist nicht neu; die Gestaltung von Stadtraum
war schon immer eine Frage des Budgets und der Prioritäten. Neu sind
nur die Akteure und deren Absichten: Für Projektentwickler und Kapitalsammelstellen
ist Stadtraum vor allem eine Frage der Rendite.
Hier versucht sich „Dream City“ mit Claudio Hils’ Aufnahmen
von Städten wie Bangkok und Tokio, Los Angeles und Las Vegas zu behelfen.
Die belegen nachdrücklich, wie wenig westeuropäische Vorstellungen
als Vorbild für andere Kulturkreise taugen, aber auch das wussten
wir schon vorher. Jenseits dessen sind sie ebenso gut als Menetekel („Ist
das die Zukunft unserer Städte!?“) wie als Beruhigungspille
(„Die wahren Katastrophen spielen sich woanders ab...“) interpretierbar.
Andererseits – und das illustrieren die Fotos von lieblosen, aber
belebten Straßenfluchten in Sao Paulo eben auch – will öffentlicher
Raum vor allem eines: angeeignet werden.
Joachim
Goetz
Landshuter Zeitung 29. Mai 2001
Die Altstadt ist zum Trugbild geworden
Eine Ausstellung in Ulm dokumentiert den Wandel historischer Innenstädte
Man
liebt, achtet, bewundert sie auf der ganzen Welt. Die großen Plätze
der europäischen Stadtbaukunst – Il Campo/Siena, Place Vendome/Paris,
Piazza Navona/Rom, Pariser Platz/Berlin und wie sie alle heißen
– werden jährlich von Millionen Touristen geradezu heimgesucht.
Aber was ist heute noch dran, an den nostalgischen Orten, die nicht selten
zu Inkunabeln der Baukunst erklärt werden?
Eine Ausstellung des Ulmer Stadthauses stellt unter dem Titel „Dream
City“ eindrucksvoll unter Beweis, dass die Wahrheit anders aussieht.
Schlaglichtartig zeichnet die Schau die Entwicklung des Raumes europäischer
Städte nach. Im zwanzigsten Jahrhundert war die Stadt geradezu revolutionären
Veränderungen ausgesetzt. Zuerst ließ man das Auto reinfahren
und parken, dann verbannte man es wieder. Der Kommerz ließ von den
Gebäuden oft nur – oder nicht einmal die Fassaden übrig.
Die Anmutungen sogenannter gewachsener Stadtstrukturen kamen dabei reichlich
zu kurz. So entstanden im 20. Jahrhundert, auf das die Schau den Schwerpunkt
legt, nur wenige öffentliche Räume, die auf Menschen eine große
Faszination ausüben. Bemerkenswert ist dies schon deshalb, weil die
technischen, finanziellen und informativen Möglichkeiten ungleich
größer waren als je zuvor.
Im Gegensatz zu den Funktionalisten wussten alte Baumeister und Städteplaner
offensichtlich exakt um die Methoden, mit denen man beeindruckende Freiräume
erzeugte. Schließlich sind es ja nicht nur die von Postkarten prangenden
Paläste, antiken Monumente, Kirchen, Türme, Freitreppen, Kolonnaden
oder Brücken, die unsere Vorstellung von Stadt prägen. Es sind
auch die Freiräume, ihre Dimensionen, die Nachbarbauten, Struktur,
Relief und Material des Bodens sowie Bepflanzungen und das „Leben“,
das den Charakter bestimmt. So entstehen unterschiedliche Vorstellungen,
etwa eines ruhigen, belebten, monumentalen, intimen, vielleicht sogar
melancholischen oder heiteren Platzes.
Als man sich all das wieder ins Gedächtnis zurückgerufen und
publik gemacht hatte, entstand bald eine restaurative Bewegung. Sie erzwang
– nicht selten gegen erbitterte Widerstände von Auto-Lobby
und Einzelhandel – die bedeutsame Erneuerung alter Stadträume.
Die Aktivitäten dort sind freilich touristisch, kommerziell und stehen
in krassem Widerspruch zu den tristen Realitäten der Suburbs.
Das muss heutzutage (jedenfalls in Europa) jedoch nicht unbedingt zu großem
Katzenjammer führen. Dank unserer Mobilität ist man der Monotonie
schnell entfleucht, die pittoresken Innenstädte sind leicht erreichbar.
Allerdings findet man dort keine vitale Altstadt im historischen Sinne
mehr, eher eine Art Kulisse, die den ansprechenden Hintergrund für
die unterschiedlichsten Erbauungen wie Shopping, Tourismus, Event oder
Flanieren bildet. Die dort noch lebenden Menschen werden sozusagen zur
Staffage.
Die Bilder intakter alter, historischer Innenstädte besitzen weltweit
eine starke Suggestionskraft. Die Plätze von Rom und die Boulevards
von Paris verbindet man nicht nur mit Urbanität. Sie symbolisieren
auch hochstehende Kultur, Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung oder gar
politische Stabilität. Sie werden mit positiven Emotionen, Sehnsüchten
und Träumen besetzt und deshalb nicht zuletzt gerne bei der Ausstattung
von Freizeittempeln und Einkaufsparadiesen zitiert. Auch ihr „Auftritt“
in Fernsehfilmen erfreut sich höchster Beliebtheit.
Die Ausstellung stellt nun mit einem einzigartigen Fotoessay (und im Katalog
mit Textbeiträgen) die Frage, ob es sich bei „der europäischen
Stadt“ nicht vielmehr um ein Trugbild handelt. Schließlich
ist sie zu einer Art leeren Hülle geworden, austauschbar, nachbaubar,
Disney-mäßig. Und die Realität in den wirklich großen
Städten der Welt, etwa Sao Paulo, Tokio, Los Angeles, Bangkok, Shanghai
sieht ganz anders aus. Man findet dort sprunghaft wachsende urbane Agglomerationen,
die im besten Falle planvoll, ansonsten chaotisch explodieren.
Schwäbische
Zeitung 07. Mai 2001
Ausstellung „Dream City“
Stadtarchitektur: Europa contra Asien
Ulm
– Die Ausstellung “Architektur und Umwelt – Dream City
– Zur Zukunft der Stadträume“ ist noch bis 1. Juli im
Stadthaus zu sehen.
Belebte Plätze und großzügige Boulevards mit prunkvollen
Palästen und ehrwürdigen Kirchen: Auf Postkarten und Reiseführern
millionenfach reproduziert, prägen diese Bilder die Vorstellung von
Stadt. Nach den Zerstörungen durch den Krieg und Wiederaufbau scheinen
sich diese Bilder in den Städten in den vergangenen Jahren tatsächlich
wieder eingestellt zu haben.
Doch sind es letztlich nur wenige Orte, die diesem Ideal entsprechen.
Spätestens am Rand der Innenstadt, geschweige denn in den Wohnsiedlungen
am Stadtrand, ist von diesem Zauber nichts mehr zu spüren.
Die Ausstellung spannt einen Bogen von der europäischen Stadt über
amerikanische Metropolen bis hin zu den atemberaubenden Agglomerationen
in Asien und macht dabei deutlich, was die europäische Stadt ausmacht
und welches Potential die europäische Stadt für die Lösung
der Probleme des 21. Jahrhunderts hat.
Roberta De Righi
Münchner Abendzeitung 02. Mai 2001
Die Stadt – ein Albtraum
In Ulm forscht die Ausstellung „Dream City“ nach dem Rezept
der Urbanität für die Gestaltung öffentlicher Räume
Metropolen
sind mehr als ökonomische Funktionsräume, öffentliche Plätze
mehr als Bebauungslücken, eine Ansammlung von Gebäuden ergibt
noch keine Stadt. Angesichts des Verfalls der Stadt zum Ballungsraum ist
der Leidensdruck groß, das Rezept für Urbanität herauszufinden.
Die Ulmer Ausstellung „Dream City“ nahm sich des Themas an
– und brachte nur Gemeinplätze zustande.
Zwar wird die Entwicklung der europäischen Stadt visuell klar aufbereitet:
von der Siedlung an der Handelsstraße zur befestigten Bürgerstadt,
vom absolutistischen Herrschaftsmodell zur modernen Metropole. Da wird
die Gemütlichkeit mittelalterlicher Städte beschworen –
und die Moderne als Hort des Bösen gezeichnet. In der Tat verkamen
Le Corbusiers aberwitzige Entwürfe der Idealplan einer „Stadt
der Gegenwart“ bei den Nachkriegs-Stadtplanern zum Albtraum der
„autogerechten Stadt“. Dabei hatten Architekten, die schon
in den 20ern Hochhausviertel im Grünen entwarfen, in erster Linie
die Abschaffung des Mietskasernenelends zum Ziel.
Die Ulmer Schau kommt arg historismus-beseelt daher: Charles Moores Piazza
d´ Italia in New Orleans aus den 70ern gilt als gelungenes Platz-Ensemble,
obwohl der poppige Zitate-Mix längst als postmoderner Kulissenzauber
verschrieen ist. Oder Paolo Portoghesis neuer Exerzierplatz in Pirmasens:
eine Synthese aus Berninis Peterplatz-Kolonnaden und Michelangelos Oval
auf dem Kapitol. Bei aller Hochachtung vor Portoghesi: Da entstand nur
toter Retro-Chic, der von den Barock-Genies die Form, aber nicht den Geist
übernahm.
Kurz und kritisch beleuchtet wird hingegen der amerikanische New Urbanism:
Disneys World of Living. Dass die Zukunft der Stadträume nicht in
einer recycelten Vergangenheit liegen kann, stellte der Stadtbautheoretiker
Camillo Sitte schon 1889 fest. Aus einzelnen Monumenten lässt sic
keine Stadt bauen. Doch wie man Dream-Cities zum Leben erweckt, darüber
macht man sich in Ulm wenig Gedanken. Weder wertet die Schau aktuelle
und geplante Großbauvorhaben in Berlin (etwa am Alexanderplatz),
noch zeigt sie MVRDVs plakative Hochhaus-Visionen, die sich verästeln
wie Bäume.
Stattdessen schickte man den Fotografen Claudio Hils in vier Mega-Cities:
Los Angeles, Bangkok, Tokio und Sao Paulo. Seine Fotos fangen das Elend
der Großstädte allerdings oft so pittoresk ein, dass die abschreckende
Wirkung hinter der gestylten Bild-Ästhetik zurücktritt.
Den Weg nach Ulm kann man sic also sparen; der Katalog mit einer Reihe
von differenzierten Aufsätzen lohnt trotzdem.
Thomas
Vogel
Schwäbische Zeitung 05. Mai 2001
Ausstellung „Dream City“
Manchmal währt Albtraum nur kurz
ULM
– Die Vergangenheit ist auch nicht mehr unbedingt das, was sie einmal
war: statt golden kommt sie teerig daher. Das neuerlich asphaltierte Stück
Münsterplatz ist freilich vergänglich, ein Exponat und externer
Ableger dieser Schau im Stadthaus, der ihren Titel durchaus ins Ironische
wendet: „Dream City“.
Asphalt mit Parkierungsstreifen statt Rosa Dante mit Aufenthaltsqualität.
Zumindest dieser Albtraum in der City wäre vorbei, seit der Ulmer
Hauptplatz vor zehn Jahren noch einmal neu erfunden worden ist –
auferstanden als Platz des städtischen Lebens und damit den Kralen
des Autos entrissen, die ihn zur monofunktionalen Allerweltsfläche
degradiert hatten, auf dem sich schlecht träume ließ.
Es
geht um innere Bilder
„Dream
City“ – Ausstellungsmacher Max Stemshorn versteht darunter
in erster Linie einmal jene inneren Bilder einer Traumstadt, mit prächtigern
Monumenten, Palästen, Kirchen, wie sie auf Postkarten und in Bildbänden
millionenfach reproduziert sind, auf Hochglanz und ohne Autos als störendem
Beiwerk.
Doch nicht nur, dass auch Stadtträume zumeist nur Schäume sind.
In der schnöden Wirklichkeit sind die Stadtbetrachter oft weitaus
weniger kritisch. Vom Blech verstellter, durch architektonische Grausamkeiten
verunstalteter Stadtraum wird als selbstverständlich hingenommen.
Oder wo wären, um zwei Ulmer Beispiele zu geben, die Rufe zur Rettung
von West- oder Römerplatz, der allein durch sein Schild überhaupt
noch als Platz wahrnehmbar ist.
In der Sensibilisierung für die offenen stadträumlichen Wunden
liegt der pädagogische Impetus dieser sehenswerten Ausstellung, die
im übrigen, ohne Zeigefinger auskommend, im Kern eine Kleine Geschichte
des europäischen Städtebaus ausbreitet. Die Renaissance, der
Absolutismus, die Industrialisierung, die Moderne – sie brachten
jeweils spezifische städtebauliche Leitbilder hervor, die in enger
Wechselwirkung zum gesellschaftlichen System und zum Stand der Technik
standen. Der Stadtraum als eigenständiger Faktor, so Stemshorns kaum
zu widerlegende Kernthese, sie dann mit dem Auftrieb der Modernen im Städtebau
ab Mitte der 1920er Jahre verschwunden oder zur Restgröße geschrumpft,
als die er vielfach noch heute ein Kümmerdasein fristet.
Die Aufmerksamkeit galt fortan allein den einzelnen Bauten, den Fassaden,
aber nicht den öffentlichen Raum dazwischen. Dabei ist er es, der
in einer Stadt maßgeblich zur subjektiven Aufenthaltsqualität
beiträgt, noch nicht einmal die Architektur, wie sich an einem der
berühmtesten europäischen Plätze, dem Campo in Siena, zeigt.
Stichwort
Stadtreparatur
Stadtreparatur und Stadtsanierung lauten die Stichworte, die in den 80er
Jahren innerstädtisches Gegensteuern auslösen. Nicht nur auf
den Postkarten ist die Plätze-Qualität inzwischen vielerorts
wieder „in Ordnung“, das Blech ist weg, die inneren Bilder
finden Stoffe für Träume. Freilich würde es nach wie vor
niemandem auch nur im Traum einfallen, in die Vororte oder Neubaugebiete
der Städte oder gar Vorstädte zu fahren in Erwartung von Erlebnissen
dieser Art Dort, wo die meisten Menschen wohnen, ist es um den öffentlichen
Raum weiterhin übel bestellt, ohne dass die Bedürfnisse danach
verschwunden wären.
Die zeitgenössische „Dream City“ aber entstehen nicht
mehr als Original, sondern als Fake in Gestalt der Riesenprojekte der
Freizeitindustrie, der Einkaufszentren oder der Erlebnisparks, die den
Albtraum symbolisch aufheben, realiter aber die automobile Gesellschaft
auf den Gipfel treiben und ihn so immer weiter verstärken.
Bleibt als Trost, dass nicht immer alles nur schlechter wird, der Münsterplatz
ist schon besser, der Teerfleck, die Reminiszenz an die ignorante Vergangenheit,
lässt sich am Ende der Schau leichterdings wieder entfernen, wisch
und weg. Und wem dieser symbolische Akt nicht genug an Genugtuung bedeutet,
sei auf das Ulmer Hoffnungsobjekt Nummer eins verwiesen: Die einmal überbaute
Neue Straße verspricht die Möglichkeit der Rückeroberung
eines weitern Stücks ruinierten Stadtraums. Ganz real.
Der Spiegel 30. April 2001
Ausstellungen
Tokios rote Nächte
In
Tokio gibt es nicht nur Tausende Restaurants und Bars, sondern auch unzählige
Automaten, damit sich die Menschen für ihren 14-Stunden-Arbeitstag
oder ihre 2-Stunden-Heimfahrt in der U-Bahn mit Snacks versorgen können.
Überhaupt ist der Großraum einer Stadt mit 25 Millionen Einwohnern
darauf angewiesen, dass von allem besonders viel vorhanden ist und das
rund um die Uhr: ob Wasser zum Duschen oder Flugverbindungen. Metropolen
in der Größe der japanischen Hauptstadt, so prophezeien Experten,
wird es in Zukunft immer mehr geben – ohne deren ausgeklügelte
Infrastruktur. Gerade in Afrika oder Südamerika werden Städte
weiterhin explosionsartig wachsen, obwohl die Lebens- und Wohnbedingungen
schon heute katastrophal sind. Aber auch das reiche Las Vegas, das sich
mitten in der Wüste einen Nachbau von Venedig mit eigenen Wasserstraßen
leistet, kann nicht als Idealstadt der Zukunft gelten. In der Ausstellung
„Dream City“ im Stadthaus Ulm werden nun die Möglichkeiten
und Grenzen der Stadtplanung untersucht. Der Fotograf Claudio Hils wurde
beauftragt, die bizarren Ecken der heutigen Mega-Städte Bangkok,
Tokio, Los Angeles, Las Vegas und Sao Paulo zu dokumentieren: Freiluftaltäre
zwischen Bangkoks Hochhäusern, riesige Springbrunnen in Las Vegas,
neonrote Nächte in Tokio und Dächer in Sao Paulo, die als Müllhalden
benutzt werden.
Schwäbische
Zeitung 27. April 2001
Stadthaus-Ausstellung
„Dream City“ leistet Rück- und Ausblicke
Ulm
– Über Architektur und Städtebau grundlegend nachgedacht
wird jetzt in Form der von Max Stemshorn im Stadthaus eingerichteten faszinierenden
Ausstellung „Dream City“. Am Sonntag um 11.30 Uhr wird sie
eröffnet, sie läuft bis zum 1. Juli.
Der Ort Stadthaus selbst wird in einer Art Ulmer Selbstironie in die Gedankenspiele
einbezogen, indem vorm Haus und sogar auf Terrassen Parkplätze auf
Asphalt angedeutet werden: eben wie´s früher einmal war! Ernsthaft
thematisiert wird in der Schau selbst die Entwicklung der Stadträume
vom Mittelalter bis heute. Jenseits der Bestandsaufnahme steht dann die
Frage: Wie mag das europäische Stadtbild in Zukunft aussehen? Mit
einem Blick auf fünf überseeische Mega-Metropolen, der in interessanten,
kompetent angelegten Foto-Reportagen aus Las Vegas, Bangkok, Tokio, Los
Angeles und Sao Paulo von Claudio Hils besteht, sollen Visionen möglicher
Entwicklungen angerissen werden.
Roland
Mayer
Neu-Ulmer Zeitung 27. April 2001
Von Traumstädten und urbaner Wirklichkeit
Vom
mittelalterlichen Stadtbild über visionäre, expressionistische
Entwürfe bis hin zur postmodernen Fassadengestaltung schlägt
die Ausstellung „Dream City“ einen Bogen, die als internationale
Dokumentation zur Zukunft der Stadträume die Projektreihe „Architektur
und Umwelt“ im Stadthaus beschließt. Die Schlaglichter der
großzügig gestalteten Schautafeln, Modelle und Fotografien
vermitteln dem Besucher keine Geheimrezepte, aber imposantes Anschauungsmaterial.
Darunter verblüfft Hans Scharouns Entwurf zur Neugestaltung des Münsterplatzes
von 1924 schon zur Hälfte mit den bekannten Meierbau-Rundungen. Beeindruckt
auch Claudio Hils Fotografie mit metropolischen Schnappschüssen aus
der ganzen Welt.
Deutsches
Architektenblatt – Ausgabe Baden-Württemberg April 2001
Dream City
Prunkvolle
Paläste, ehrwürdige Kirchen, antike Monumente. Auf Postkarten
und in Reiseführern millionenfach reproduziert, prägen diese
Bilder unsere Vorstellung von Stadt. Doch sind es nicht nur die Bauten
selbst, ihr Alter oder kunsthistorischer Rang, die uns in ihren Bann ziehen.
Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Wahrnehmung dieser
Baudenkmäler haben die Freiräume im Umfeld dieser touristischen
Highlights. Ihren spezifischen Charakter erhalten diese Räume durch
Proportion, Lage, Materialien, die Fassaden der sie umgebenden Bauten
und nicht zuletzt durch die sich hier aufhaltenden Menschen und den Verkehr.
So erleben wir Platzräume ganz unterschiedlich als belebt oder ruhig,
monumental oder intim, melancholisch oder heiter.
Dream City zeichnet die Entwicklung des öffentlichen Raums europäischer
Städte schlaglichtartig nach. Im Vordergrund stehen dabei die geradezu
revolutionären Veränderungen, denen die Straßen und Plätze
europäischer Städte im 20. Jahrhundert unterworfen waren. Doch
beschränkt sich Dream City nicht auf einen Blick auf Europa. Die
derzeitige städtische Entwicklung kann in einer globalen Welt, in
der unterschiedlichste Leitbilder und Ideale über die Medien gleichzeitig
und über verfügbar sind, gar nicht mehr isoliert gesehen werden.
Und gerade angesichts der chaotisch wachsenden städtischen Agglomerationen
in Asien, Südamerika und der dritten Welt stellt sich die Frage,
ob das Festhalten am Bild der traditionellen europäischen Stadt nicht
längst ein irrealer Traum ist. Dieser Gedanke drängt sich nicht
zuletzt in den beeindruckenden Fotos von Sao Paulo, Bangkok, Tokio und
Los Angeles auf, die der bekannte deutsche Fotograf Claudio Hils für
die Ulmer Ausstellung aufnahm.
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