Ausstellung
   
07.04.06 - 28.05.06

Frank Mädler | WEGE
 
Ohne Titel (aus der Serie "WEGE"), 2003, C -Print, 120 x 180 cm, Auflage 4, courtesy Corkin Gallery, Toronto (CAN)
 

Augenblickssplitter im Gewebe des Dauernden

"Man könnte sagen, dass Mädler mit dieser Arbeit eine hochattraktive Paradoxie gelungen ist: Er zeigt uns, wie ein Bild gleichzeitig abstrakte kompositorische Verdichtung und welthaltige Vergegenwärtigung eines zur Dauer gewordenen Moments sein kann. Alles auf dieser Aufnahme führt uns eindringlich, aber nie didaktisch vor Augen, dass ein gutes Bild niemals eindeutig sein kann. Das betrifft nicht nur die kalkulierte Ambivalenz zwischen Gegenständlichkeit und struktureller Abstraktion: Auch wenn es einer rein gegenständlichen Lesart unterworfen wird, lässt sich aus diesem Foto keine eindeutige Zielrichtung destillieren. Das Auto, das sich klein und verloren auf der Straßenkreuzung befindet, könnte dort schon Stunden oder auch nur wenige Augenblicke stehen. Angesichts der mindestens drei Wege, die sich ihm bieten, fiele es dem Betrachter leicht, aus der Situation ein Moment der Desorientierung und Verlorenheit zu folgern. Und doch wäre es ohne weiteres genauso plausibel, dass der Fahrer, wenn es denn einen gibt, genau weiss, wohin er sich wenden muss, beziehungsweise, dass sich das Ziel vielleicht sogar direkt jenseits des Bildausschnitts befindet, mit dem Mädler die Atmosphäre von Ortlosigkeit erzeugt. Das Auto, immerhin soviel ist klar, bildet den zentralen Punkt, auf den das Bild kompositorisch aber nicht nur zuläuft, sondern von dem es sich auch gleichermaßen wegbewegt. Die sich kreuzenden Diagonalen der weißlichen Fahrwege verspannen das Bildfeld, und halten es in einer fragilen Balance zwischen Introversion und Expansion. Im Motiv der sich diagonal kreuzenden Straßen ist beides enthalten: Die öffnende, das Bild potenziell über seine eigenen Grenzen hinaus dehnende Geste, und die Komprimierung hin auf sein Zentrum. Dieses Zentrum wird in der kompositorischen Anlage sozusagen doppelt markiert: Durch die Straßen selbst, die abstrakt gesprochen ein überdimensionales X bilden, sowie durch das Auto, das sich genau in der Mitte dieses Kreuzes befindet. [...]"

Stephan Berg
aus: Augenblickssplitter im Gewebe des Dauernden (abgedruckt im Katalog "Frank Mädler. WEGE, Corkin Galley, Totonto (CAN) / Edition J. J. Heckenhauer, Toronto 2005. Den Katalog mit dem vollständigen Text von Stephan Berg und einem Text von Tanja Dückers können Sie über unsere Galerie beziehen).

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