Augenblickssplitter
im Gewebe des Dauernden
"Man könnte sagen, dass Mädler mit dieser Arbeit eine
hochattraktive Paradoxie gelungen ist: Er zeigt uns, wie ein Bild
gleichzeitig abstrakte kompositorische Verdichtung und welthaltige
Vergegenwärtigung
eines zur Dauer gewordenen Moments sein kann. Alles auf dieser Aufnahme
führt uns eindringlich, aber nie didaktisch vor Augen, dass ein
gutes Bild niemals eindeutig sein kann. Das betrifft nicht nur die
kalkulierte Ambivalenz zwischen Gegenständlichkeit und struktureller
Abstraktion: Auch wenn es einer rein gegenständlichen Lesart
unterworfen wird, lässt sich aus diesem Foto keine eindeutige
Zielrichtung destillieren. Das Auto, das sich klein und verloren
auf der Straßenkreuzung
befindet, könnte dort schon Stunden oder auch nur wenige Augenblicke
stehen. Angesichts der mindestens drei Wege, die sich ihm bieten,
fiele es dem Betrachter leicht, aus der Situation ein Moment der Desorientierung
und Verlorenheit zu folgern. Und doch wäre es ohne weiteres genauso
plausibel, dass der Fahrer, wenn es denn einen gibt, genau weiss,
wohin er sich wenden muss, beziehungsweise, dass sich das Ziel vielleicht
sogar direkt jenseits des Bildausschnitts befindet, mit dem Mädler
die Atmosphäre von Ortlosigkeit erzeugt. Das Auto, immerhin
soviel ist klar, bildet den zentralen Punkt, auf den das Bild kompositorisch
aber nicht nur zuläuft, sondern von dem es sich auch gleichermaßen
wegbewegt. Die sich kreuzenden Diagonalen der weißlichen
Fahrwege verspannen das Bildfeld, und halten es in einer fragilen
Balance zwischen Introversion und Expansion. Im Motiv der sich
diagonal kreuzenden Straßen
ist beides enthalten: Die öffnende, das Bild potenziell über
seine eigenen Grenzen hinaus dehnende Geste, und die Komprimierung
hin auf sein Zentrum. Dieses Zentrum wird in der kompositorischen
Anlage sozusagen doppelt markiert: Durch die Straßen selbst,
die abstrakt gesprochen ein überdimensionales X bilden, sowie
durch das Auto, das sich genau in der Mitte dieses Kreuzes befindet.
[...]"
Stephan Berg
aus: Augenblickssplitter im Gewebe des Dauernden (abgedruckt im Katalog
"Frank Mädler. WEGE, Corkin Galley, Totonto (CAN) / Edition
J. J. Heckenhauer, Toronto 2005. Den Katalog mit dem vollständigen
Text von Stephan Berg und einem Text von Tanja Dückers können
Sie über unsere Galerie beziehen).
[ Publikation
]