Ohne Titel (aus der Serie
Ohne Titel (aus der Serie "Places"), Piezopigmentprint, 2005, 100 x 125 cm, Auflage 5 + AP

16.12.05 - 02.02.06
Sandra Senn | Places - Zwischen Erinnerung und Erscheinung

Komposition und Irritation in den Arbeiten von Sandra Senn

"Die ersten Eindrücke bei der Betrachtung von Sandra Senns Fotografien enden meist in einer vordergründigen Beruhigung. Man glaubt, diese Berglandschaft zu kennen, ja gar in ihr herumgegangen zu sein. Kollektiv wirksame Landschaftsvorstellungen oder Erinnerungen an Landschaft werden abgerufen und vorerst einmal bestätigt: steile Felsabhänge, wildes Wasser, strahlend blauer Winterhimmel. Doch ebenso schnell stellen sich Irritationsmomente ein. Was hat es mit der Schneewolke auf der Skipiste auf sich? Was ist an der gefrorenen Wasseroberfläche des Gebirgsees so befremdlich? Warum sticht das Blau des Wasserbeckens derart türkisfarben heraus? Das Gefühl des Wiedererkennens will sich angesichts der kleinen Irritationen fortan nicht mehr einstellen. Und wir suchen die Bilder nach Uneindeutigkeiten und Fehlern ab, die unsere Fragen nach der Art der Darstellung beantworten sollen.

Wenn man Foucaults Modell der Repräsentation für eine Bildanalyse beizieht, kann man sich zuerst fragen, was innerhalb des Bildes mit welchem Code repräsentiert ist. Foucaults Analysen von Bildern zielen in erster Linie auf jene Stellen im Bild, bei denen die Ordnung der Darstellung gestört ist, an denen sich die Mittel der Darstellung auf irgendeine Weise vom Dargestellten lösen. Bei der Fotografie einer Landschaft, die in erster Linie auf das schöne oder wohl komponierte Bild zielen könnte, ist somit das Störende in der Komposition zu suchen. Denn, obwohl die Landschaftsbilder der Künstlerin auf den ersten Blick direkt von der Natur abgenommen erscheinen, liefert gerade die Komposition die ersten Irritationsmomente. Meist symmetrisch zentriert, zentralperspektivisch angelegt, die Horizontale wohl gesetzt, finden sich in den Diagonalen der rechteckigen Bildformate Störungen, die in einer ungeahnten Dramatisierung enden. [...]

Sibylle Omlin

aus: Komposition und Irritation in den Arbeiten von Sandra Senn (abgedruckt im Katalog "Sandra Senn. Zwischen Erinnerung und Erscheinung", Edition J. J. Heckenhauer, Tübingen/Berlin 2005. Den Katalog mit dem vollständigen Text von Sibylle Omlin können Sie über unsere Galerie beziehen).

Zwischen Erinnerung und Erscheinung

Schließe ich meine Augen

so sehe ich,

zwischen Erinnerung und Erscheinung

Landschaften,

Orte von zeitloser Schönheit

beseelt durch menschliches Handeln

Was meinen wir, wenn wir von Landschaften sprechen? Meinen wir die Gegebenheiten draußen in der Welt oder eine Vorstellung in unserem Kopf? Die bewusste Entdeckung und Prägung des Landschaftsbegriffs hat sich erst in der Neuzeit (Renaissance) vollzogen. Dieser Begriff hat sich seither durch die Jahrhunderte verändert. Heute ist Landschaft nicht mehr das Furcht einflössende Ungeheuer, wie noch im 19. Jahrhundert. Wir bewerten Landschaft als schön und unschön, je nachdem wie Nahe diese unserem Idealbild von Landschaft entgegenkommt. Die Landschaft als solche existiert also nicht an sich.

Mich interessiert die Situation, in der sich unsere Vorstellung von Landschaft von der real wahrgenommenen Landschaft ablöst. Der Moment, in dem Landschaft sich verselbständigt und zur Projektion fiktionaler Gestaltung wird.

Mein Ausgangspunkt sind reale Landschaften, die ich mit der Mittelformatkamera aufgenommen habe und anschließend am Computer bearbeite. Als Motive wähle ich Gebilde und Landschaften aus, welche aus den komplexen Zusammenwirken menschlichen Handelns hervorgegangen oder umgestaltet worden sind.

Ich befreie die vorgefundenen Gebilde oder Landschaften von ihrer beabsichtigten Wirkung. So beispielsweise wird ein Stausee nicht mehr in dieser Funktion erkennbar. Die Landschaft fehlt und Vorgefundenes steht in einem neuen Kontext. Vorgefundene Wirklichkeit wird durch Erinnerung und Erscheinung zu einer neuen Vorstellung von Wirklichkeit verdichtet. Die Bilder sind Abgleich von Erinnerung und Erscheinung. Die Erinnerung sehe ich nicht als Abrufung des Vergangenen, sondern als Konstruktion der Vergangenheit.

Meine Bilder bewegen sich zwischen dokumentierter und modellhaft konstruierter Wirklichkeit. Entkräftete Natur kann so wieder in Kraft gesetzt werden.

Befreit von Zufälligkeit oder Ablenkungen, reduziere ich meine fotografischen Motive auf eine Kernaussage, um eine zeitlose, neue Welt zu schaffen.

Die Modifizierungen sind allerdings so fein und ausgewogen, dass nicht der Eindruck einer komplett künstlichen Welt entsteht. Die Technik dient mir dazu, das Motiv gleichsam herauszuarbeiten und zu verstärken, ohne dass man das Werkzeug realisiert.

Im übertragenen Sinne könnte man die Bilder durchaus als Gemälde mit fotografischen Mitteln betrachten. Die Landschaften wirken täuschend real und erinnern an alte Malerei. Die farbintensive, feinkörnrige und konturenscharfe malerische Bildwirkung wird durch den bewusst gewählten Pigmentprint auf Büttenpapier bestärkt.

Sandra Senn, Oktober 2005

Sandra Senn, welche auch als "Komponistin" mit fotografischen Bildkomponenten definiert wird, schafft Arbeiten, die an erster Stelle von ihrer extremen Schönheit faszinieren. In einem zweiten Schritt wird sich der Betrachter aber über Verschiebungen und Unstimmigkeiten bewusst. Die Landschaften werden durch ungleichartige Elemente gebildet, welche die Künstlerin digital zusammenfügt. Es entstehen persönliche und imaginäre Welträume.

Sie arbeitet Bilder aus, die sich in Öffnungen zwischen Wirklichkeit und Fiktion einschreiben. Die Bilder erinnern an Landschaftsbilder voller Suggestionskraft. Magische Orte.

Die Bilder setzen sich aus fotografischen Rohmaterial zusammen, welche die Künstlerin wie eine Forscherin systematisch sammelt. Sie fotografiert die Gegenstände, die ihre Neugier wecken und sie beim Erforschen ihrer unmittelbaren Umgebung in Industriegebieten, städtischen Bezirken, Parkanlagen, Attraktionsparks, Spielplätzen oder Zoos verführen.

Sandra Senn trägt ein privates Interesse für die zivilisierte Umwelt, die uns umgibt.

Aber sie lässt sich auch von der klaren Schönheit eines flaumigen Wolkenhimmelns oder von der Kraft der massiven Bergwelt ebenfalls verzaubern, in der die künstlichen Konstrukte oftmals eingebettet sind. Sie fügt die gesammelten Bildelemente der verschiedenen Landschaften und Herkünfte zusammen. Feine Grashalme verändern sich in einen imposanten Wald, ein Bergmassiv entpuppt sich beim genauen Hinsehen als Schutthaufen. Lüftungsrohre erscheinen uns wie monumentale Türme, welche sich in einer Blumenlandschaft gegen den Himmel aufrichten.

Der Eindruck der Irrealität wird durch die Bildkomposition akzentuiert; eine vollkommen gemeisterte Zusammensetzung, deren bewusste Einsetzung von der Künstlerin hervorragend inszeniert und ausgearbeitet ist. Bühnenbilder, bestimmte Zeichentrickfilme, oder die Filmkulissen/Modelle, die für die Filmspezialeffekte benutzt werden, kommen uns in den Sinn. Durch ihre Arbeit von Rekonstruktionen schafft die Künstlerin eine phantastische und verführerische Welt. Ihre Bilder schwingen zwischen Natur und Kunstgriff, zwischen der wirklichen Welt und der idealen Rekonstruktion dieser.

Winka Angelrath

[ Publikation ]