"Same Time | Same Place", 2003, 9 C-Prints auf Aludibond mit UV-Schutzfolie, je 27 x 36 cm, Auflage 10

08.10.04 - 17.11.04
Marc Volk | Same Time | Same Place

Eine mögliche Definition von Chaos ist Gleichzeitigkeit.

Exakte Beobachtungen sind immer nur an einem Ort zu einer Zeit möglich. Die Komplexität der Welt ist aber dadurch gekennzeichnet, daß alles gleichzeitig stattfindet und sich somit einer genauen Beobachtung entzieht. Hinzu kommt, dass bereits der Beobachter die gewählte Situation verändert, z.B. durch die Wahl seiner Beobachtungsinstrumente. Deshalb sollte er mitbeobachtet werden, wenn es darum geht, Aussagen über die beobachtete Situation zu treffen. Die Systemtheorie nennt diese Methode Beobachtung zweiter Ordnung, das heißt, dass Beobachtungen beobachtet werden. Der Perspektivismus macht die Unzulänglichkeiten der unmittelbaren Beobachtungen (erster Ordnung) anschaulich. So kommt es zum Beispiel immer wieder zu Unstimmigkeiten bei Zeugenaussagen, die den selben Vorgang beschreiben, weil die Beobachtungen von unterschiedlichen Standpunkten erfolgten. Außerdem treten bei solchen Vergleichen weitere Fehler der Wahrnehmung hervor, die auch als blinder Fleck bezeichnet werden. Der blinde Fleck ist ein Hinweis darauf, dass die Wirklichkeit eine Konstruktion ist. Mit der Fotografie gibt es ein Medium, das in der Lage ist, das Chaos der Gleichzeitigkeit in ein Nebeneinander umzuwandeln. So können gleichzeitig getätigte Aufnahmen in eine direkte Beziehung gebracht werden, die ein ruhiges Betrachten ermöglicht. Sehen ist Vergleichen! Mit der Hilfe von Fotografie können Beobachtungen zweiter Ordnung gemacht werden, die die Wahrnehmung erweitern und somit das Bild von der Welt bereichern. In der Fotografie wird der Perspektivismus sichtbar, z.B. wenn ein Ereignis von unterschiedlichen Standpunkten im selben Moment fotografiert wird. Andererseits ermöglicht sie die Beobachtung zeitgleicher Beobachtungen, in dem sie für den Betrachter 'eingefroren' wird. Die Arbeit "Same Time/Same Place beschäftigt sich mit zwei wesentlichen Aspekten der Beobachtung zweiter Ordnung: 1. Ein Ereignis wird zur gleichen Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven beobachtet. 2. Ein Beobachter beobachtet gleichzeitig mehrere Ereignisse. Bei der Realisierung dieser fotografischen Arbeiten werden Situationen gewählt werden, die die Brisanz der Unmöglichkeit einer objektiven Beobachtung deutlich machen (z.B. Verbrechen, Unfall, etc.). Dafür werde ich mich auf öffentliche Plätze begeben, die sich schon aufgrund ihrer Größe und Belebtheit als Metaphern für das Chaos der Welt anbieten. Von einem erhöhten Standpunkt soll ein Übersichtsfoto angefertigt werden, das als Ausgangsmaterial für Ausschnittsvergrößerungen dient, die verschiedene einzelne Situationen zeigen, die zwar gleichzeitig stattgefunden haben, aber erst durch die Fotografie nebeneinander wahrgenommen werden können. Außerdem sollen besondere Situationen (Verbrechen, Unfall, etc.) auf diesen Plätzen zur selben Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert werden. Die entstandenen Bilder werden anschließend als Wandtableaus präsentiert (mindestens 6 Stück pro Situation). Eventuell werde ich digital noch kleine Veränderungen vornehmen, um die subjektive Konstruktion noch deutlicher zum Vorschein zu bringen.

Marc Volk