Uferpromenade Friedrichshafen (aus der Serie
Uferpromenade Friedrichshafen (aus der Serie "Industrie_Zeit_Raum"), 2005, C-Print, 100 x 125 cm, Auflage 5

04.11.06 - 09.01.07
Claudio Hils | Industrie_Zeit_Raum

In seiner Fotoserie Industrie_Zeit_Raum (2005) macht sich Claudio Hils auf die Suche nach den historischen Spuren der deutschen Industriestadt Friedrichshafen, einer Stadt, die von Aufstieg, Utopie und Fall gekennzeichnet ist, deren industrielle Relikte in der Gegenwart ihren eigentlichen Sinn verloren haben. Mit analytischer Distanz spürt Hils die Überreste eines zwiespältigen Erbes auf, das die Stadt noch immer gefangen zu halten scheint. Hils Arbeiten sind eindrucksvolle Kompositionen im Spannungsfeld zwischen Poesie, Ästhetik und Technik.

"Es scheint, als müsse die Stadt [Friedrichshafen], um die es geht, um ihr Gedächtnis ringen, und mit ihr das Gedächtnis, das sich willkürlich abgelegt hat in spärlich erhaltenen Relikten und Formen, die ausnahmslos Spuren eines zwiespältigen Erbes aufweisen. (...) Die Stadt, um die es geht, wurde völlig zerstört. Aus den industriellen Koordinaten ihres Aufstiegs und Falls haben sich bis in die Gegenwart jene Markennamen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, die von Licht und Schatten gezeichnet sind. Dornier, Maybach, Zeppelin. (...) Es galt bekanntlich die hybride Version, nichts Geringeres als die Welt zu erobern, ein Expansionsdrang, der wenig später mit militärischen Mitteln eingelöst wurde. Die Rüstungskonzerne standen der Diktatur zu Diensten und die Folgen waren verheerend, nicht nur für die Stadt. Die Geschichte erzählt weiter, dass zwischen Tabu und Tradition abermals ein Neuaufbau unter dem Diktat des technologischen Fortschritts gelang. Mit ihm verbunden war ein Vernarbungsprozess, dessen sichtbare Spuren zunehmend geglättet werden sollten. Im Rückspiegel McLuhans wirken die verbliebenen Relikte dieses Aufbruchs umso trostloser. Einmal ihrer Aura beraubt, haben sie in der Gegenwart kaum mehr Platz im funktionalen Getriebe. Holzvertäfelte Schranktüren eines Besprechungsraums tragen bereits Archivierungsnummern; in der Industriebranche überdauert eine defekte Straßenlaterne, von Pflanzenwerk überwuchert. Was bleiben durfte, verwahrt ein Produktarchiv unter Neonlicht. Vereinzelte Großbilder und Protomodelle als Beweismittel früherer wirtschaftlicher Prosperität auf Staffeleien und Podesten aus Holzpaletten. Wann genau auch sie wegtransportiert werden, bleibt offen. Das Gedächtnis ringt noch."

( Christoph Schaden )

aus: Die Stadt, um die es geht (abgedruckt im Katalog "Industrie_Zeit_Raum", Edition J. J. Heckenhauer, Berlin/Tübingen 2005).