Ohne Titel (aus der Serie
Ohne Titel (aus der Serie "Archive_Belfast"), 2004, C-Print, 100 x 100 cm, Auflage 7

19.11.04 - 04.01.05
Claudio Hils | Archive_Belfast

Das Sehen, das Wahrnehmen, das Bewusststein

Claudio Hils erkundet die Archive eines fremden Landes

Von Klaus Honnef

Einer der glühendsten Fürsprecher des neuen technischen Abbildverfahrens war Polizeiminister Duchatel. Am 15. Juni 1839 plädierte er vor der Deputiertenkammer energisch dafür, dass der französische Staat die patentierte Technik erwerben sollte: "In der Fotografie bewahren die Objekte ihre Form mit mathematischer Exaktheit. Die mit Hilfe des Lichts zustandekommende Zeichnung ist zum ersten Mal in der Geschichte der Bilder ein objektives Maß, eine wissenschaftliche Größe, eine Ziffer, eine Erkennungsmarke."1 Er und seine Mitstreiter fanden Gehör. Paß- und Fahndungsfotos waren eine Folge des Ankaufs. Im Spurenbild der Kamera verwandeln sich die fotografierten Menschen in polizeilich erfassbare Kennziffern, um einer umfassenden Kontrolle unterworfen werden zu können. Schon ihre Vorläuferin, die Camera obscura in ursprünglicher Gestalt, erlaubte ein Sehen, ohne gesehen zu werden, ein heimliches Ausspähen, ohne

den Beobachter zu gefährden. Nicht von ungefähr steht die unspektakuläre Aufnahme einer Papierrolle, wie sie als neutraler Hintergrund in Fotostudios ständig Verwendung findet, am Beginn eines bemerkenswerten fotografischen Projekts von Claudio Hils. Doch die Papierrolle befindet sich im Fotostudio einer Polizeistation. Wie viele vermeintliche oder tatsächliche Delinquenten wurden vor ihr fotografisch fixiert? Die nächsten Bilder, die in fragmentarischer Form eine Reihe von Tischmikrofonen sowie Details kämpferischer, für eine Theaterproduktion nachempfundener Graffitis auf einer weißgrauen Blümchentapete erfassen, vertiefen die Perspektive der Betrachtung. Zwei - filmisch gesprochen - Halbtotale im unmittelbaren Anschluss, die erste Aufnahme von dem provisorisch wirkenden Archiv einer Abtei, die andere von einem monitorbestückten Raum, in dem auch Daten gesammelt, verglichen und ergänzt werden, irritierend unterbrochen durch das Bild eines offenen Regals mit ein paar denkwürdigen Devotionalien, bringen die Sache schließlich auf den Punkt: Das zeitgenössische "Regime der Wahrnehmung" (Jonathan Crary) von Realität und seine vielfältigen Konsequenzen sind Gegenstand der fotografischen Exploration, die vorherrschende Art öffentlicher wie privater Wahrnehmung, ja der Verschmelzung beider im Focus einer fortgeschrittenen Medien- und Kommunikationsgesellschaft mit ihrem Überschuss häufig überflüssigen Wissens.

Claudio Hils ist der markante Vertreter einer grundlegenden ästhetischen Erneuerung der Dokumentarfotografie, die sich weder mit einem nüchternen und akkuraten Aufzeichnen bestimmter Sachverhalte begnügt noch mit ihrer vergleichenden Darstellung in Bilderreihen und Tableaus. Vielmehr bezieht er das Sehen selbst, den Blick, der auf die Dinge der Außenwelt fällt, als konstituierendes Element in die Vergegenwärtigung seiner Bildwelt ein, so dass die Wahrnehmung ein gleichermaßen beherrschendes Motiv seiner fotografischen Aufnahmen ist wie die Gegenstände, die sie veranschaulichen. Denn die Wahrnehmung verändert die Gegenstände ihrer Aufmerksamkeit unweigerlich, der Blick, der auf sie in Augenschein nimmt, lässt sie in einem bestimmten Licht erscheinen. Er bewirkt sozusagen das Moment der Unschärferelation im gewöhnlichen Bilderverkehr.

Das Sehen, Beobachten, das Wahrnehmen, das sich in zahlreichen Kommunikationsströmen "verfranst" (Theodor W. Adorno) und dessen handgreifliche Zeugnisse, hauptsächlich Bilder und Papiere, am Ende in einer Fülle von Dossiers meist ungeordnet und in der Regel fortan unangesehen verschwinden, manchmal aber unversehens in chaotischer Form aus dem Dunkel auftauchen, um eine gewisse Sprengkraft zu entfalten, ist das eigentliche Thema des Projekts von Claudio Hils - hinter den verwirrenden Ansichten von Schnüren, Strippen, Fahnen, Spruchtafeln, Tischen, Stühlen, Kisten, Schatullen und Bildern, die unmittelbar anschaulich werden. Dabei kristallisiert sich andererseits wie bei einem Film von Bild zu Bild allmählich heraus, dass die Fotografien einem politisch, kulturell und geografisch festlegbaren Ort gelten, nämlich Belfast, der Hauptstadt Nordirlands. Deutlich betont wird das allerdings nirgendwo. Das Englisch in den Parolen, die britische Flagge in der gemalten Kulisse eines Hinterhofs, die Uniformen in einer Abstellkammer liefern die sparsamen Indizien. Der Horizont der fotografischen Arbeit reicht freilich weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Menschen treten in den Bildern nur als Objekte glorifizierender Erinnerung oder medizinischer Untersuchung im Durchleuchtungsbild auf. Vielleicht noch als schemenhafte Reflexe auf den Monitoren der überwachenden Beobachtung, stets sozusagen im Off, von dritter Seite beobachtet, sowie manifest durch die Spuren, die sie hinterlassen haben: archivierte Akten und Video-Kassetten, Propagandamüll, zertrümmerte Möbel der Gerichtssäle, gegen Beschuss verbarrikadierte Fenster, Flugzeugmodelle. Je abwesender die Menschen erscheinen, desto stärker das Gefühl einer bedrückend abwesendenden Anwesenheit. Hils´ fotografische Ästhetik unterminiert den polizeilichen Kamerablick und schärft das Gespür für seine Problematik. Die Vorstellungskraft der Betrachter ergänzt die Anwesenheit der tatsächlich Abwesenden, verpflanzt sie an deren Stelle, weil der Fotograf die Wahrnehmung dessen, was er schildert, als einen Akt aktiven, physiologischen Sehens dokumentiert, als Ausdruck einer körperlichen Tätigkeit, die sich die Realität nicht passiv mit Hilfe von Bildern erschafft, die der Wahrnehmung häufig vorauslaufen. Die Realität muss sich an den Bildern erproben, nicht umgekehrt, wie die meisten glauben. So liegen Hils´ fotografische Bilder auch quer zu den Bildern des alltäglichen Konsums in den Massenmedien, sparen geradezu schmerzlich aus, was die Betrachter von ihnen unterschwellig erwarten, und unterhöhlen die Konventionen der massenmedial verbreiteten Bilder. Nichts wird verständlicher durch seine Fotografien, im Gegenteil, die Fragen verstärken sich. Doch da sie keine wohlfeilen Erklärungen anbieten, gehen sie auch nicht in die Falle der Scheinerklärungen von etwas, das nicht zu erklären ist und sich offenbar der Einsicht menschlicher Vernunft verschließt. Damit wird offenbar, dass seine Aufnahmen nicht die Realität, wie sie, in den Worten eines Zeitgenossen der Entdeckung der

Fotografie, des französischen Historikers Hyppolite Taine, "ist oder wie sie wäre, wenn es mich selbst nicht gäbe" vergegenwärtigen, sondern spezifische subjektive Beziehungen zur Realität, die sich aus einem komplexen System von Sehen, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Bewusstwerden zusammensetzen. Infolgedessen erweitern die Bilder von Claudio Hils das Spektrum der Dokumentar-fotografie um die Dimension einer ihrer selbst bewussten Wahrnehmung.